Arbeiten

Zu schön, um wahr zu sein

DIE ZEIT, 23. April 2015

Es hätte der größte Tag seiner Karriere werden können: Am 8. Mai 2014 sollte Jens Förster den höchstdotierten deutschen Forschungspreis erhalten, die Alexander-von-Humboldt-Professur. Doch keine drei Wochen zuvor wurde der Vorwurf laut, Förster habe Daten manipuliert. Daraufhin legte die Humboldt-Stiftung die Ehrung auf Eis. Am Montag dieser Woche, fast ein Jahr später, hat Jens Förster auf den Preis verzichtet. »Die damit verbundenen Forscherpflichten und die Verantwortung für rund fünfzig Mitarbeiter sind eine zu große Last, wenn ich mich immer wieder gegen neue Vorwürfe wehren muss«, sagt er. Aber ein Schuldeingeständnis sei das nicht.

Just dieser Tage hatte die Alexander-von-Humboldt-Stiftung über seinen Fall entscheiden wollen. Die Beratung finde nun nicht mehr statt, teilt die Stiftung mit; ansonsten will sie sich nicht äußern. An der Ruhr-Universität Bochum, wo Förster derzeit eine Vertretungsprofessur bis Ende September innehat, will man in den kommenden Wochen entscheiden, ob sein Vertrag verlängert wird. Die Universität von Amsterdam, an der Förster zuvor gearbeitet hat, überprüft unterdessen alle Veröffentlichungen des Forschers aus den Jahren 2007 bis 2014. Noch vor dem Sommer soll das Ergebnis vorliegen.

Der Fall Förster ist ein ziemlich undurchsichtiger Wissenschaftskrimi, so viel ist schon klar, während die Ermittlungen noch laufen. Es werden Indizien zusammengetragen, und es steht Aussage gegen Aussage. Aber es geht um mehr als um einen einzelnen Verdächtigen. Försters Fach, die Sozialpsychologie, wurde bereits von mehreren Skandalen schwer erschüttert: Der Forscher Diederik Stapel hat Daten frei erfunden, sein Fachkollege Dirk Smeesters Studien manipuliert. Darüber hinaus ließen sich die Ergebnisse einiger grundlegender Studien in Wiederholungsversuchen nicht bestätigen (ZEIT Nr. 22/13). Freiwillige des Reproducibility Project überprüfen derzeit 100 Studien aus großen Fachmagazinen, ihre Resultate sollen in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Allerhöchstens die Hälfte der Ergebnisse werde sich replizieren lassen, vermutet Initiator Brian Nosek. Und selbst wenn sich ein Resultat bestätigt, schrumpft die Größe des beobachteten Effekts oft rapide zusammen. Viele Erkenntnisse sind also gar keine – oder viel kleiner als angenommen.

Ausgerechnet Ende dieser Woche will der Wissenschaftsrat »Empfehlungen zu wissenschaftlicher Integrität« veröffentlichen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich das höchste wissenschaftspolitische Beratungsgremium mit dem Problem befasst. Und seit Jahren klagen Forscher über Missstände. Zwar wachen mittlerweile an fast allen Hochschulen Ombudsleute über die Einhaltung »guter wissenschaftlicher Praxis«, jedoch tun dies viele von ihnen ehrenamtlich und als Einzelkämpfer. Zudem versuchen viele Universitätsleitungen, Regelverstöße immer noch unter der Decke zu halten.

Zugleich wird die Konkurrenz um die wenigen Professorenstellen immer härter. Mit ihr steigt der Druck auf junge Forscher, sich durch Fachveröffentlichungen hervorzutun – und damit auch die Versuchung, Statistiken aufzuhübschen. Denn gerade die großen Fachzeitschriften, die gleichfalls im Wettstreit um Aufmerksamkeit stehen, lechzen nach »sexy Themen und steilen Thesen«, wie der Medizinnobelpreisträger Randy Schekman kritisierte.

Vor diesem Hintergrund spielt der Fall Förster. Der Verdächtige ist ein Forscher, wie ihn sich die deutsche Wissenschaft wünscht: produktiv und originell, querdenkend und eloquent, bereits mit mehreren Preisen bedacht, darunter das Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zugleich versteht es Förster, seine Forschung populär zu vermitteln, in Sachbüchern, Talkshows oder Vorträgen in Unternehmen. Auch die ZEIT Akademie engagierte ihn für ein DVD-Seminar zum Thema Psychologie, das im Oktober 2012 erschien.

Unprätentiös, charmant und mit blondiertem Strubbelhaar ist Förster geradezu das Gegenbild zum traditionellen deutschen Professor. Einst studierte er Operngesang, viele Jahre trat er neben seiner akademischen Arbeit als Kabarettist und Sänger auf. Seinem wissenschaftlichen Ruf tat all dies keinen Abbruch. Er galt als »einer der international einflussreichsten Psychologen seiner Generation«, wie es in einer Laudatio 2010 hieß; seine Forschung sei »nicht nur empirisch originell und methodisch rigoros, sondern auch konzeptuell wegweisend«.

Die Studie, um die es nun vor allem geht, veröffentlichte das Fachmagazin Social Psychological and Personality Science (SPPS) im Januar 2012 unter dem Titel Fühl kreativ!. Sie ergab, dass Probanden kreativer sind, wenn sie zuvor Gegenstände, Gerüche, Geschmäcke oder Gedichte als Ganzes wahrgenommen haben, während sie analytischer denken, wenn sie sich zuvor auf Details konzentriert haben.

Im September 2012 wendet sich ein anonymer Informant an die Universität Amsterdam, wo Förster damals arbeitet. Er habe insgesamt drei Veröffentlichungen analysiert und entdeckt, dass »die Mittelwerte ungewöhnlich nah an einem linearen Trend« liegen. Ein solcher Grad von Linearität sei »extrem unwahrscheinlich«. Die Übersetzung für Nicht-Statistiker: Die Daten seien zu schön, um wahr zu sein. Außerdem fehlten von keinem der insgesamt mehr als 2.000 Probanden irgendwelche Daten, keiner habe die Studie abgebrochen. Das sei »untypisch für psychologische Experimente«.

Die Universität Amsterdam prüft diese Anschuldigungen und bestätigt, dass die Ergebnisse »statistisch quasi unmöglich« seien. Nicht belegen lasse sich jedoch, dass die Daten bewusst manipuliert worden seien. Daraufhin wendet sich der Informant an das Nationale Gremium für Integrität in der Forschung in den Niederlanden. Dieses urteilt weitaus härter: »Die Schlussfolgerung, dass die Studiendaten manipuliert worden sind, ist unausweichlich.« Damit bezieht sich das Gremium nur auf eine Studie, die von 2012. Es empfiehlt der Universität, diese Veröffentlichung zurückziehen zu lassen. Jetzt wird der Fall öffentlich.

Daraufhin legt die Humboldt-Stiftung die Auszeichnung für Förster auf Eis, nachdem sie ihn im April 2013 bereits als einen der nächsten Preisträger angekündigt hatte. Die Ehrung wird an Wissenschaftler vergeben, die im Ausland forschen, um sie an deutsche Universitäten zu locken. Jens Förster war von der Ruhr-Universität Bochum nominiert worden. Dort tritt er auch ohne den Preis im Juli 2014 eine befristete Professur an. Schließlich zieht im November vergangenen Jahres die Fachzeitschrift SPPS Försters Publikation zurück.

Ein klarer Fall? Jens Förster selbst beteuert bis heute, keine Daten manipuliert zu haben. »Natürlich hätte ich manche der Daten fälschen können, aber das wäre ziemlich blöd gewesen. Denn die Gefahr, dass dies einem Mitarbeiter auffällt, wäre recht groß gewesen.« Auch glaube er nicht, dass Mitglieder seines Teams manipuliert hätten. »Trotzdem kann ich nicht hundertprozentig sicher sein, dass sich alle an die Regeln gehalten haben. Natürlich ist es theoretisch möglich, dass mir da jemand etwas Gutes tun wollte.« Eine plausible Erklärung für die Befunde liefert er aber nicht. Zu der Behauptung, dass es keine Ausfälle von Probanden gab, sagt er: »Das ist normal, wenn man gut organisiert.«

Andererseits liegen auch keine Beweise für die Anschuldigungen vor, nur statistische Indizien. Die digitalisierten Rohdaten habe er den Untersuchungsgremien vorgelegt, sagt Förster. Die Fragebögen aber habe er auf Anordnung seiner Abteilungschefin vernichtet, als er in ein kleineres Büro umgezogen sei. Tatsächlich ist es bis heute keineswegs gängige Praxis, alle Rohdaten aller Experimente samt der Originaldokumente für spätere Kontrollen aufzubewahren. Ob die Daten im Computer mit denen auf dem Papier übereinstimmen, lässt sich deshalb nicht mehr überprüfen.

Was bleibt, ist Abwägung. »Da steht Aussage gegen Aussage«, sagt Adam Marcus, der für das Blog Retraction Watch den Fall beobachtet. Doch die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Försters Ergebnisse auf korrekte Weise zustande gekommen sind, halte er für verschwindend gering: »Darauf würde man sicher nicht eine Menge Geld setzen.« Und Brian Nosek vom Reproducibility Project sagt: »Diese Daten können nicht echt sein. Ich kann aber nicht sagen, ob dahinter Betrug oder irgendein Fehler steckt.«

Genau das diskutieren Forscher im Netz. Im Zentrum ihrer Debatte stehen die sogenannten fragwürdigen Forschungsmethoden. Das sind Tricks, mit denen Wissenschaftler ihre Ergebnisse aufhübschen können. Ganz korrekt ist das nicht, aber auch keine Fälschung. Und es ist sehr verbreitet, wie eine 2012 im Fachmagazin Psychological Science veröffentlichte Umfrage unter mehr als 2.000 Psychologen an US-Universitäten zeigte: 23 Prozent hatten schon einmal Zahlen falsch gerundet, damit das Ergebnis signifikant wurde, 22 Prozent hatten schon mal mit der Datenerhebung aufgehört, sobald das erwartete Resultat vorlag, 43 Prozent hatten schon mal unerwünschte Daten verworfen.

Der Psychologe Ulrich Schimmack von der University of Toronto vermutet einen solchen Trick hinter dem Ergebnismuster: »Möglicherweise wurden in der Kontrollgruppe Probanden aussortiert, damit deren Ergebnisse genau zwischen den beiden Versuchsgruppen liegen.« Förster bestreitet, fragwürdige Methoden angewandt zu haben, sagt aber: »Es kann sein, dass Mitarbeiter immer nur die besten Experimente herausgesucht und Ausreißer gestrichen haben. Das ist üblich in der Sozialpsychologie, in jedem Fall nicht wissenschaftlich unethisch.«

Uri Simonsohn von der University of Pennsylvania, der sich eingehend mit fragwürdigen Forschungsmethoden beschäftigt, ist dagegen überzeugt, dass mehr dahintersteckt. Selbst Freunde von Förster seien an ihn herangetreten und hätten Hypothesen formuliert, mit welchen legalen Methoden die Ergebnisse zustande gekommen sein könnten. »Ich habe das alles durchgerechnet, bis zum Erbrechen«, schreibt der Psychologe in einer E-Mail. »Kein einziger Vorschlag, egal wie weit hergeholt, hat auch nur annähernd dieses lineare Muster ergeben. Es gibt keinen begründeten Zweifel daran, dass diese Daten gefälscht sind.«

Sollte es tatsächlich so gewesen sein, bleibt die Frage: Wer könnte die Daten gefälscht haben? Sie führt hinter die Kulissen der Forschung und hat viel damit zu tun, wer bei solch einer Studie wann was macht. Im fraglichen Fall hatte Förster einen Co-Autor: Markus Denzler. Er war Doktorand bei Förster an der Jacobs University Bremen, danach folgte er ihm nach Amsterdam. Heute lehrt er an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Haar.

Ob er die Experimente für diese Studie selbst durchgeführt hat, weiß Denzler nicht: »Das klingt seltsam, ich weiß. Ich habe auf jeden Fall solche Experimente gemacht, aber ob genau die in diese Studie eingegangen sind, kann ich nicht sagen.« Wie kann das sein? »Wir haben oft mehr als einhundert Probanden ins Labor eingeladen. Dann haben unsere Hilfskräfte viele verschiedene Studien hintereinander weggemacht«, erklärt Denzler. In dem fraglichen Aufsatz wurden dann zwölf Experimente zusammengefasst. An der Auswertung der Daten habe er nicht mitgearbeitet, sagt Denzler, erst wieder am Schreiben des Artikels. »Die Daten habe ich mir dann nicht mehr angesehen. Das ist durchaus üblich so.«

Es läuft eben nicht so, dass ein Forscher ein Experiment macht und einen Artikel darüber verfasst. Professoren führen selten selbst Experimente durch, häufig übernehmen Mitarbeiter einen Teil der Analysen. Die Arbeitsteilung macht die moderne Forschung schneller und effizienter. Aber es macht sie auch unübersichtlicher. Wenn jemand fälscht oder pfuscht oder auch nur einen Fehler macht, bemerken es Kollegen nicht so leicht. Und wenn jemand gefälscht oder gepfuscht hat, ist es schwer zu durchschauen, wer es war.

Der Psychologe Jürgen Margraf, Humboldt-Professor in Bochum, stellt sich hinter Förster: »Ich wünsche mir, dass man ihm die Chance gibt, sich an der Universität durch fachliche Arbeit zu beweisen und seinen Ruf wiederherzustellen.« Und der Sozialpsychologe Klaus Fiedler von der Universität Heidelberg betont, Försters Studie habe einen »starken substanziellen Kern«: »Ich zweifle überhaupt nicht daran, dass die Aussage im Grundsatz stimmt. Dafür gibt es bereits viele Belege.« Die realitätsnahe Art der Forschung, wie Förster sie betreibe, sei aber riskant. »Die Effekte sind komplexer als in der Grundlagenforschung. Kreativität zum Beispiel ist multikausal, da können andere Faktoren als die im Experiment untersuchten hineinspielen.« Das sei auch einer der Gründe dafür, warum sich viele sozialpsychologische Ergebnisse nicht unter allen Umständen reproduzieren ließen. »Trotzdem muss man diese Forschung fortsetzen, wir wollen ja wissen, wie sich Menschen unter realitätsnahen Bedingungen verhalten.«

Was aber ist die Realität im Fall Förster? Da die Originaldokumente vernichtet sind: Zählen starke Indizien mehr als die Unschuldsvermutung? Genügen sie, um die Karriere eines Forschers zu beenden? Das hätte die Humboldt-Stiftung beantworten müssen, es wäre ein heikler Präzedenzfall geworden. Die Entscheidung hat Jens Förster ihr nun abgenommen.


An der Recherche für diesen Text war Martin Spiewak beteiligt. Er hat 2012 mit Jens Förster das Psychologie-Seminar der ZEIT Akademie produziert.