Arbeiten

Worte – die Grenzen meiner Welt?

Deutschlandfunk, 29. Juni 2014   –   Radiofeature   |   mit Claudia Wüstenhagen


Zwischen allen Sprachen tun sich Bilder auf …
… in jeder Sprache sitzen andere Augen.

Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin.


Sieben Milliarden Menschen.

7000 Sprachen.

7000 Welten.

7000 Welten? Chinesen benutzen überhaupt keine Zeitformen, Engländer gleich sieben – allein für die Zukunft. Türkisch kennt keine Geschlechter – auf Rumänisch ist sogar die Rose ein Mann. Sprachen haben ihre Eigenarten. Doch färben diese auch den Blick der Sprechenden auf die Welt? Darüber streiten die Wissenschaftler leidenschaftlich.

„Das kann schon aggressiv werden. Manchmal ist die Debatte einfach lebhaft, das macht dann richtig Spaß. Aber manchmal wird der Streit doch unfair. Wenn jetzt mehr und mehr Belege auf den Tisch kommen, werden die Argumente hoffentlich sachlicher und weniger persönlich.“

Philosophen und Linguisten streiten schon seit Jahrzehnten, ja seit Jahrhunderten. Lange stand Aussage gegen Aussage. Und oft war es ein Kampf Mann gegen Mann.

Samuel Johnson

Sprache ist nur das Instrument der Wissenschaft, und Worte sind bloß die Zeichen von Ideen.


gegen Wilhelm von Humboldt

Der Mensch denkt nur vermittels der Sprache. Ihr Einfluß erstreckt sich über alles, was der Mensch denkt und empfindet, beschließt und vollbringt.

Samuel Johnson, englischer Gelehrter, bezog im 18. Jahrhundert die eine Ecke im Kampf der Sprachphilosophen. Seine Punchline: Wir brauchen Sprache lediglich, um Gedanken auszudrücken. Wilhelm von Humboldt, deutscher Gelehrter, stieg Anfang des 19. Jahrhunderts in die andere Ecke. Er konterte: Wir brauchen Sprache, um Gedanken überhaupt erst zu denken. Und nicht nur das:

Das Denken ist nicht bloß abhängig von der Sprache überhaupt, sondern bis auf einen gewissen Grad auch von jeder einzelnen bestimmten.

Noch drastischer sah es der Philosoph Ludwig Wittgenstein Anfang des 20. Jahrhunderts:

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

In diesen wenigen Aussagen aus den vergangenen Jahrhunderten stecken schon all die Argumente, die den Kampf der Linguisten anfachen sollten. Öl ins Feuer goss dann ausgerechnet ein Brandverhütungs-Inspektor:

Benjamin Lee Whorf

Die automatischen, unwillkürlichen Muster der Sprache sind nicht dieselben für alle Menschen, sondern spezifisch für jede Sprache. Daher rührt, was ich das ‚Prinzip der sprachlichen Relativität‘ genannt habe. Es bedeutet, dass Menschen von ihren Grammatiken auf verschiedene Arten von Beobachtungen gestoßen werden und deshalb zu etwas verschiedenen Ansichten der Welt kommen müssen.


gegen Noam Chomsky

Ich denke nicht, dass Sprachen sich so sehr unterscheiden. Ein außermenschlicher Beobachter wäre beeindruckt von eben der Einheitlichkeit der menschlichen Sprachen, von der sehr geringfügigen Abweichung von einer Sprache zur anderen, und davon, auf welch bemerkenswerte Weise alle Sprachen gleich sind.

Benjamin Lee Whorf verdiente sein Geld eigentlich damit, für eine Versicherungsgesellschaft Brände und Explosionen aufzuklären. Das war in den 30er-Jahren. Nebenher studierte er die Sprachen der amerikanischen Ureinwohner. Besonders interessierten ihn die Unterschiede zum Englischen: Die Hopi zum Beispiel hätten keine Wörter oder grammatischen Formen, die sich direkt auf die Zeit bezögen. Das gilt inzwischen als widerlegt. Der Schluss aber, den Whorf daraus zog, wirkt bis heute nach: Weil die Hopi keine solchen Wörter für die Zeit hätten, hätten sie auch einen ganz anderen Begriff von der Zeit als englischsprachige Menschen. Der Linguistische Relativismus gewann schnell begeisterte Anhänger.

Doch in den 60er-Jahren stieg Noam Chomsky in den Ring und propagierte das krasse Gegenteil: den Linguistischen Universalismus. Allen Menschen sei dasselbe Sprachvermögen, dieselbe Universalgrammatik angeboren. Der Philosoph Jerry Fodor setzte noch eins drauf: Allen Menschen sei auch dasselbe Denkmedium angeboren – „Mentalese“, die Sprache der Gedanken. Wir dächten also nicht auf Englisch, Deutsch oder Chinesisch, sondern in einem universellen Medium. Im Kampf der Linguisten triumphierten die Universalisten. Doch das war noch nicht der Knock Out für die Gegner. Junge Hirnforscher und Psychologen fordern die Universalisten jetzt heraus – mit Experimenten. Der Kampf geht in die entscheidende Runde.

Lera Boroditsky

„Für mich ist die Frage eine empirische, und sie muss mit empirischen Belegen beantwortet werden. Es ist weder offensichtlich falsch noch offensichtlich wahr. Es ist etwas, das wir sorgfältig untersuchen und messen müssen.“


gegen John McWhorter

„Diese Idee, dass die Art und Weise, wie eine Sprache aufgebaut ist, der Art und Weise entspricht, wie die Sprecher die Welt sehen – die trägt einfach nicht. Wenn sie es täte, wäre ich der Erste, der sagen würde: ‚Donnerwetter, das ist aber toll!‘ Aber ich glaube einfach nicht, dass sie es tut.“

Lera Boroditsky ist Psychologin an der University of California in San Diego. Und sie ist eine der prominentesten Vertreterinnen der neuen Whorfianer. John McWhorter dagegen hält die Whorf-Hypothese für großen Unsinn. Er ist Linguist an der Columbia University in New York. Jetzt hat er ordentlich ausgeteilt, in seinem Buch The Language Hoax – Der Sprach-Schwindel. An jeder einzelnen Erkenntnis von Boroditsky hat er etwas auszusetzen. Natürlich auch an der über die Wahrnehmung von Farben. Boroditsky:

„Im Russischen ist man gezwungen, zwischen hellem Blau und dunklem Blau zu unterscheiden. Helle Blautöne werden Goluboj genannt, dunkle Blautöne Sinij. Auf Englisch ist beides einfach ‚blue‘ – blau. Und wir haben uns gefragt, ob die Gewohnheit, diese Blautöne in der Sprache zu unterscheiden, dazu führt, dass russischsprachige Menschen diese Farben auch in der Wahrnehmung besser unterscheiden können.“

Die Psychologin zeigte Amerikanern und Russen auf einem Computermonitor je drei blaue Quadrate, eins oben und zwei unten. Einer der beiden unteren Farbtöne war identisch mit dem oberen. Die Probanden sollten möglichst schnell entscheiden, welcher das war, und auf den entsprechenden Knopf drücken.

„Wenn man diese Aufgabe macht, denkt man: ‚Ich sehe doch sofort, welche gleich sind.‘ Das ist nicht schwer. Und, das ist wichtig, man muss dabei keine Sprache benutzen. Tatsächlich könnte man diese Aufgabe auch machen, wenn man eine Taube wäre.“

Und trotzdem waren die Russen schneller – wenn die verschiedenen Blautöne in die verschiedenen Kategorien des Russischen fielen, also Goluboj und Sinij. Dieses Ergebnis überraschte selbst Boroditsky.

„Bevor wir diese Experimente gemacht hatten, dachte ich, die Sprache würde vielleicht eine Rolle im Farbgedächtnis spielen. Ich habe aber nicht damit gerechnet, dass bei dieser viel einfacheren Aufgabe sprachliche Repräsentationen automatisch aktiviert werden und helfen, Entscheidungen zu treffen.“

John McWhorter überzeugt das allerdings nicht.

„Was die Psychologie angeht, ist das akkurat, wirklich akkurat. Aber die Frage ist: Ist das von Bedeutung? Die Unterschiede liegen im Bereich von Millisekunden. Das ist ein putziges psychologisches Phänomen. Wenn man davon darauf schließt, dass Russen Picasso anders sehen, ist man auf dem falschen Weg. Es stimmt einfach nicht. Das ist kein Weltbild.“

Lera Boroditsky und ihre Forscherkollegen haben nicht nur die Wahrnehmung der Farbpalette untersucht. Sie haben auch Fälle erforscht, in denen der Einfluss der Sprache weit bedeutsamer wäre, zum Beispiel bei der räumlichen Orientierung. Die Psychologin ist dazu nach Australien gereist, zu den Thaayorre, einer Gruppe von Aborigines, zu denen auch Donald William gehört, der hier über sein Leben erzählt. Boroditsky:

„In dieser Sprache werden alle räumlichen Beziehungen mit Nord, Süd, Ost und West beschrieben. Man würde also nicht sagen: ‚Da ist eine Ameise an Deinem linken Bein‘, sondern ‚Da ist eine Ameise an Deinem süd-westlichen Bein‘. Oder die Begrüßung, auf Kuuk Thaayorre sagt man da: ‚Hey, wohin gehst Du?‘ Und die Antwort wäre so etwas wie: ‚Nach Nord-Nord-West, und Du?‘ Nur um ‚Hallo‘ zu sagen, muss man also perfekt orientiert sein.“

Es gibt noch mehr Sprachen, die nur absolute Ortsangaben nutzen. Entdeckt hat sie Stephen Levinson, ebenfalls ein Verfechter des Linguistischen Relativismus. Seine Erkenntnisse über die Guugu Yimithirr, eine weitere Gruppe von Aborigines, sind legendär. Die Guugu Yimithirr sind jederzeit perfekt orientiert, auch bei Nacht, in geschlossenen Räumen und fremden Städten. Und ganz selten nehmen sie ihren eigenen Körper als Fixpunkt, so wie wir, wenn wir rechts oder links sagen. Levinson ist davon überzeugt, dass es ihre Sprache ist, die diese erstaunlichen Fähigkeiten hervorbringt: Weil die Guugu Yimithirr ständig perfekt orientiert sein müssten, um auch nur das Einfachste sagen zu können, trainierten sie permanent ihren Orientierungssinn. Lera Boroditsky hat bei den Thaayorre ganz ähnliche Beobachtungen gemacht. John McWhorter:

„Ich weiß nicht, warum mich das jetzt gerade zum Lachen bringt. Naja, ich sehe das überhaupt nicht so. Sie sind menschliche Kompasse, das ist faszinierend. Aber dass es ihre Sprache ist, die sie dazu bringt, ergibt keinen Sinn. Denn was sie dazu bringt, ist, dass sie im Flachland leben. Da ist es schwieriger, sich zurechtzufinden, es gibt auch nicht so viele Wegweiser da. So eine Sprache gibt es zum Beispiel nicht im Regenwald, wo überall Bäume sind, egal wohin man sich dreht.“

Die Kontrahenten geben sich gern unversöhnlich – aber ihre Ansichten müssen sich gar nicht unbedingt widersprechen. Es ist plausibel, dass die Guugu Yimithirr und die Thaayorre ihren außerordentlichen Orientierungssinn einst entwickelten, weil ihre Umwelt sie dazu zwang. Und genauso plausibel ist es, dass es heute ihre Sprache ist, die diesen Orientierungssinn trainiert. Die Kinder der Aborigines lernen das Koordinatensystem ja nicht zuerst auf der Jagd oder beim Fischen auf dem offenen Meer, sondern durch die Sprache. Doch was bedeutet das für uns? Tatsächlich haben Psychologen nicht nur exotische Sprachen daraufhin erforscht, ob Wortschatz und Grammatik das Denken prägen. Lera Boroditsky hat auch Amerikaner, Spanier und Japaner untersucht. Sie wollte wissen, wie gut sie sich als Augenzeugen eignen.

„Verschiedene Sprachen veranlassen ihre Sprecher dazu, unterschiedlich über Ereignisse zu reden. Englisch ist eine ziemlich merkwürdige Sprache, weil sie kaum zwischen unbeabsichtigten und beabsichtigten Geschehnissen unterscheidet. Egal, wie es dazu kam, würde man sagen: ‚Lera hat die Vase kaputt gemacht.‘“

Das Spanische und das Japanische machen dagegen einen deutlichen Unterschied. Bei einem Versehen sagt man auf Spanisch sogar: „El florero se rompió.“ Wörtlich: Die Vase zerbrach sich selbst. Kein Täter in Sicht also. Boroditsky:

„Wir haben uns gefragt, ob englischsprachige Menschen mehr darauf achten, wer an einem Ereignis beteiligt ist, auch wenn es ein Missgeschick ist, im Vergleich zu Spaniern und Japanern, für die es bei einem Versehen weniger wichtig ist, wer es getan hat.“

Boroditsky zeigte Amerikanern, Spaniern und Japanern kurze Filme, in denen jemand etwas kaputt machte, entweder absichtlich oder unabsichtlich. Dann bat sie die Probanden zur Gegenüberstellung: Wer war's? Wer hatte den Luftballon platzen lassen, das Ei zerbrochen, das Wasser beim Blumengießen verschüttet?

„Wir haben festgestellt, dass sich alle gleich gut erinnerten, wenn ein Verschulden vorlag. Wenn es aber ein Versehen war, erinnerten sich die englischsprachigen Probanden viel besser daran, wer es getan hatte. Wegen des Trainings durch ihre Sprache betrachten sie die Videos also unterschiedlich, und sie erinnern sich an unterschiedliche Dinge.“

Demnach könnte die Sprache also nicht bloß unsere Farbwahrnehmung prägen oder den Orientierungssinn trainieren, sondern unsere Wahrnehmung von Ereignissen im Alltag beeinflussen. Sehen wir also tatsächlich die Welt ein bisschen unterschiedlich, je nachdem welche Sprache wir sprechen? John McWhorter:

„Nein, nein, nein. OK, ich bin sicher, dass sie einen Effekt gezeigt hat. Aber die Frage ist, ob dieser Effekt so groß ist, dass er wirklich etwas aussagt über die Art, wie spanischsprachige oder englischsprachige Menschen die Welt sehen.“

Boroditsky:

„Aber sicher, je mehr Belege wir in ganz verschiedenen Bereichen sammeln, desto mehr muss man sagen: In dem Maße, in dem das Weltbild der Menschen daraus besteht, wie sie über Raum und Zeit und Kausalität und Zahlen denken, wie sie sich an Dinge erinnern, wie sie Dinge wahrnehmen, wie sie Dinge unterscheiden können – dann muss man sicher sagen, dass die Sprache das Weltbild beeinflusst.“

Reichen die Indizien, um von unterschiedlichen Weltbildern zu sprechen? Darum dreht sich diese Kontroverse. Doch McWhorters Kritik geht noch weiter.

„Mein größtes Problem mit dem Whorfianismus ist, dass er ungewollt ungefähr die Hälfte der Menschen auf dieser Welt wegen ihrer Sprache für ein bisschen beschränkt erklärt. Einerseits gibt es da Sprachen wie die der amerikanischen Ureinwohner, die schrecklich viele Unterscheidungen machen. Aber dann schaut man sich eine Sprache wie Chinesisch an und denkt, naja, wenn sich ein amerikanischer Ureinwohner all dieser feinen Unterschiede so wunderbar bewusst ist, dann muss dieser Mensch aus Peking ein kleiner Dummkopf sein.“

Lera Boroditsky:

„Dieses Argument finde ich wirklich ärgerlich. Wenn wir der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit über das menschliche Denken und die Rolle von Erfahrungen sagen sollen, weil sie das vielleicht auf rassistische Gedanken bringt, dann ist das eine herablassende Haltung. Als Wissenschaftler müssen wir den Leuten die Dinge sagen, von denen wir glauben, dass sie wahr sind.“

Der Streit zeigt: Es geht um viel mehr als um „putzige psychologische Phänomene“. Boroditsky:

„Es ist einfach ein Thema, das fast alle Kontroversen in der Erforschung des Geistes berührt. Natürlich geht es um die Nature-Nurture-Frage – also darum, in welchem Maße unser Verhalten angeboren ist, und in welchem Maße es von Erfahrungen bestimmt ist, von den Ideen in unseren Kulturen und von unseren Sprachen.“

Letztlich geht es auch um die Frage, ob der Mensch sich ändern kann – und damit sogar um den freien Willen. Kein Wunder, dass die Debatte so leidenschaftlich geführt wird. Und sie ist nicht nur für Psychologen und Hirnforscher interessant, sondern auch für Linguisten, Anthropologen, Philosophen und sogar für Informatiker, die Computern beibringen wollen, Sprache wirklich zu verstehen. Boroditsky:

„Das führt dazu, dass jede Menge Leute eine Meinung haben, aber nur sehr wenige tatsächlich empirisch an der Frage arbeiten.“

In der Tat liefern ausgerechnet einige der Kontrahenten, die sich am lautesten zu Wort melden, kaum empirische Belege für ihre Ansichten.

Steven Pinker

Die berühmte Whorf-Hypothese ist falsch, komplett falsch. Die Idee, dass Denken dasselbe ist wie Sprache, ist ein Beispiel für etwas, das man eine konventionelle Absurdität nennen kann. Eine Behauptung, die jedem gesunden Menschenverstand widerspricht, die aber jeder glaubt, weil er sich dunkel daran erinnert, sie irgendwo gehört zu haben und weil sie so bedeutungsschwanger ist.


gegen Daniel Casasanto

„Die Leute haben argumentiert, dass es nicht sein kann, dass wir in Sprache denken, und dass Whorf deshalb Unrecht hat, dass Sprache also nicht das Denken prägen kann. Das ist ein weit verbreiteter logischer Fehlschluss. Man kann das leicht verstehen, wenn man sich ein Beispiel anschaut, wie die Aussage ‚John hat eine Tochter, die Geige spielt, also ist John ein Mensch.‘ Das ergibt Sinn. Wenn wir das jetzt umdrehen, heißt es: ‚Aber weil John keine Tochter hat, die Geige spielt, ist er kein Mensch.‘ Das ist völliger Unsinn. So ein logisch impotentes Argument verwenden die Leute, wenn sie sagen: ‚Wir denken nicht in Sprache, also kann Sprache das Denken nicht beeinflussen.‘“

Der Psychologe Steven Pinker von der Harvard University prügelt gern auf den Linguistischen Relativismus ein. Mit empirischen Belegen hält er sich nicht lange auf. Daniel Casasanto dagegen versucht, der Hypothese mit Experimenten auf den Grund zu gehen. Doch auch dabei warten Stolperfallen. Der Psychologe von der University of Chicago erforscht vor allem, welche Rolle Metaphern im Denken spielen. Mit Metaphern ist hier nichts Poetisches gemeint, sondern etwas ganz Alltägliches: Die Übertragungen von konkreten Erfahrungen auf abstrakte Konzepte.

„Wir können kaum anders als räumliche Wörter zu verwenden, wenn wir über eine Zeitdauer reden. Wenn wir sagen ‚ein Meeting ist lang oder kurz‘, ‚ein Urlaub ist ausgedehnt‘, dann benutzen wir räumliche Wörter für die Zeit.“

Casasanto wollte wissen, ob wir über die Zeit auch so denken, wie wir über sie reden. Er zeigte Versuchspersonen auf einem Monitor Linien, die vom linken zum rechten Bildrand wuchsen. Die Probanden sollten schätzen, wie lange das jeweils dauerte. Doch Casasanto hatte einen Trick eingebaut: Er variierte die Länge der Linien, und zwar unabhängig von der Zeitdauer. Das Ergebnis: Bei langen Linien überschätzten die Testpersonen die Zeitdauer, bei kurzen unterschätzten sie diese. Daraus schloss Casasanto, dass ihnen eben diese Vorstellung – „Eine Zeitdauer ist eine Strecke“ – in die Quere kam. Doch dann erlebte der Psychologe eine Überraschung.

„Ich habe diese Daten einmal in Griechenland präsentiert, im Sommer, und die kühne Behauptung aufgestellt, dass jeder über eine Zeitdauer wie über eine Strecke redet, und dass wir auch alle so darüber denken. Und dann hob eine Griechin im Publikum die Hand und sagte: ‚Hören Sie mal, so reden wir nicht über die Zeit, und so denken wir auch nicht darüber.‘“

Casasanto versuchte abzuwiegeln. Aber die Griechin blieb hartnäckig.

„Sie beharrte darauf: ‚Schauen Sie, in Griechenland gibt es keine langen Meetings.‘ Und ich habe raus geschaut auf das herrliche, glitzernde Meer, und ich konnte gut verstehen, warum man da keine langen Meetings hat. Aber was sie meinte war, dass Griechen nicht sagen ‚eine lange Zeit‘, sondern ‚poli hora‘, was ‚viel Zeit‘ heißt oder ‚eine Menge Zeit‘, sie benutzen dafür dasselbe Wort wie für ‚eine Menge Wasser‘.“

Casasanto fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Dann witterte er in der Schlappe eine neue Chance. Er setzte Griechen eine Variation des Experiments vor, diesmal mit Behältern, die mehr oder weniger weit gefüllt wurden. Und wieder verschätzten sich die Probanden. Dann machte Casasanto mit den Griechen das ursprüngliche Experiment mit den Linien. Von denen ließen sie sich überhaupt nicht irritieren.

„Griechischsprachige Menschen reden über die Zeit nicht nur anders, sie denken offenbar auch anders. Sie aktivieren Repräsentationen, aber das sind keine linearen Repräsentationen, sondern dreidimensionale Repräsentationen.“

Damit hatte Casasanto eine Korrelation nachgewiesen, aber noch keinen kausalen Zusammenhang. Deshalb trainierte er als nächstes Amerikaner darauf, wie Griechen über die Zeit zu sprechen, bloß auf Englisch.

„Statt zu sagen ‚ein Meeting ist lang oder kurz‘, sollten sie sagen ‚ein Meeting ist mehr oder weniger‘. Das ist zwar kein Griechisch und auch nicht perfekt, aber es erfüllt seinen Zweck.“

Nach zwanzig Minuten Training ließ Casasanto die Amerikaner das Experiment mit den Behältern machen. Und tatsächlich: Ihre Schätzungen waren jetzt kaum von denen der Griechen zu unterscheiden! Daraus schließt der Psychologe:

„Jeder kann Zeit gleichermaßen assoziieren mit einer linearen Ausdehnung oder mit einem dreidimensionalen Volumen. Aber die Stärke dieser Assoziationen wird bestimmt von den Metaphern in unserer Muttersprache.“

Daraus folgen gleich zwei Erkenntnisse über die Rolle der Sprache: Erstens ist sie nicht nötig, um die Verbindung zwischen Raum und Zeit überhaupt erst herzustellen. Andere Versuche zeigen sogar, dass schon kleine Kinder ein Gespür dafür haben, lange bevor sie sprechen können. Zweitens hat die Sprache dennoch großen Einfluss. Wenn englischsprachige Kinder dauernd von „langen Ferien“ hören und griechische von „Ferien, die viel dauern“ dann werden die entsprechenden Zuordnungen im Hirn wieder und wieder gestärkt.

In diesem Fall haben also sowohl die Universalisten als auch die Relativisten ein bisschen Recht: Die verschiedenen Zuordnungen von Raum und Zeit sind zunächst universell – und von der Sprache unabhängig. Dann aktiviert die Muttersprache spezifische Zuordnungen – und beeinflusst so das Denken.

Ist der Kampf also aus? Mit einem Unentschieden nach Punkten? Was Daniel Casasanto herausgefunden hat darüber, wie wir über Zeit und Raum denken, klingt nach einem Kompromiss. Casasanto selbst hält allerdings nichts davon, das zu verallgemeinern:

„Es ist heute in der Kognitionsforschung sehr beliebt, einen Mittelweg zu gehen, Kompromisse zu machen. Ich denke aber, dass das nicht immer richtig ist. Wenn man in der Mitte geht, liegt man manchmal auf beiden Seiten daneben.“