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Wörter machen Leute

mare, Dezember 2011

An dem Tag, als das Wasser kam, versanken Elis Juliana, Luis Daal und Pierre Lauffer in den Fluten. „Alle meine geliebten Autoren habe ich verloren“, sagt die Übersetzerin Lucille Berry-Haseth. Ein Tropensturm hatte im Herbst 2010 das Meer auf Curaçao regnen lassen, das Wasser rauschte durch die Straßen, drang in ihr Haus, spülte durch Schränke, Regale, das Klavier und ertränkte die Werke der wichtigsten Dichter der Insel. „Das waren wilde Wasser.“ Den materiellen Schaden versucht Berry-Haseth wegzuwischen, mit einem Sprichwort in ihrer Muttersprache, Papiamentu: „Hende por nabegá ku poko bientu“, man kann auch mit wenig Wind segeln.

Das wichtigste Schriftstück hatte die ältere Dame zum Glück ganz oben auf ein Regal geschoben. Jetzt liegt der Aktenordner mit den 376 Seiten vor ihr auf dem Tisch im Patio: „Changá“, der bekannteste Roman eines Sohnes der Karibikinsel, fast fertig übersetzt. Geschrieben hat ihn Frank Martinus 1973 unter dem Titel „Dubbelspel“, auf Niederländisch, in den Niederlanden, der ehemaligen Kolonialmacht. Fast 40 Jahre später soll er endlich in der Sprache der Insel, auf der er spielt, erscheinen, auf Papiamentu.

Diese Mischung aus Spanisch, Portugiesisch und ein wenig Niederländisch ist ein Phänomen. Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden, ist die Sprache heute so lebendig wie nie zuvor. Während andere Kreolsprachen vom Aussterben bedroht sind, beherrscht Papiamentu das Leben auf Curaçao und den beiden Nachbarinseln Aruba und Bonaire. Die „ABC-Inseln“ liegen vor der Küste Venezuelas. Curaçao, ein schmaler Landstreifen von 60 Kilometer Länge, ist die größte der drei. Fast alle der gut 140.000 Einwohner leben in der Hauptstadt Willemstad, die meisten von ihnen sind Nachkommen europäischer Siedler und afrikanischer Sklaven. Außerdem haben sich Einwanderer aus den Niederlanden, Lateinamerika und Asien, besonders China, auf der Insel angesiedelt.

Sieben Zeitungen erscheinen auf Curaçao in Papiamentu, 20 Radiostationen senden in der Sprache, ebenso zwei Fernsehsender, die auch von den zahlreichen Auswanderern in den Niederlanden empfangen werden. Mittlerweile pflegt man in allen Bevölkerungsschichten das Papiamentu, insgesamt gibt es rund 330.000 Sprecher. Papiamentu ist neben Niederländisch und Englisch Amtssprache auf der Insel, sogar etliche Niederländer lernen es. Wer es nicht tut, gehört schlicht nicht dazu. „Von den etwa 80 Kreolsprachen weltweit sind nur ganz wenige ähnlich stark“, sagt Bart Jacobs, Linguist an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Diese außergewöhnliche Vitalität hat die Sprachforscher neugierig gemacht, sie versuchen, das Geheimnis des Papiamentu zu ergründen.

Den Menschen auf Curaçao kommt die Sprache allerdings überhaupt nicht geheimnisvoll vor. Papiamentu ist ihre Muttersprache, auch wenn die meisten außerdem Niederländisch, Englisch und Spanisch sprechen. Es ist die Sprache, die den Alltag der Insel ölt. Man hört sie abends in der Snackbar, wo ein chinesischer Wirt die Biere über die Theke schiebt, man hört sie nachts im „Club Boneriano“, wo Paare eng umschlungen unterm Sternenhimmel kubanischen Son montuno tanzen und in den Pausen flüstern und flirten, und man hört sie mittags in der Plasa Bieu, der alten Markthalle, wo Köchin Yvonne das Maismehl in einem riesigen Topf über dem Holzkohlefeuer zu „funchi“ rührt, einer Art Polenta.

Papiamentu klingt so, als würden Kieselsteine unkontrolliert einen Hang hinunterrollen. Einige überschlagen sich, überholen andere, springen weiter. Ganz ähnlich ist auch die Musik der Insel, Tambú, dieses rasende, rollende Durcheinander von Trommeln und Triangelgeklimper.

„Dos Kara“, der Hit der einheimischen Band Aya i Su Grupo, dringt aus einem kleinen Geschäft mitten in der Altstadt von Willemstad. Ohne die tönende Musik wäre der Laden leicht zu übersehen, schmutzig-weiß ist das Haus, selbst die rote Markise leuchtet kaum noch, ausgebleicht von der Sonne. Doch hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich der älteste Plattenladen Curaçaos.

Hinter der Theke steht Noel Job, schwarze Basecap, schwere Goldringe, auf dem rechten Arm ein Tattoo: „Born to die – 10-08-1981“. Sein Großvater hat das Geschäft „Tik Tak“ vor 48 Jahren gegründet. „Hier, die verkaufen sich gerade am besten, Dreams und Tsunami“, sagt Job und legt die CD der Dreams ein, einer Band aus Curaçao.

Sein Vater kommt dazu, auch er arbeitet im Familienunternehmen, er dreht den Salsa-Merengue-Mix noch lauter. „Wir verkaufen natürlich auch internationale Musik, das ist mehr geworden“, schreit er. „Lokale Sachen wie Tambú werden besonders vor den Feiertagen gekauft, Weihnachten und Karneval.“ „Und von Touristen“, ergänzt sein Sohn. Ob er helfen könne, fragt er jetzt die beiden blonden Frauen, die unschlüssig vor der Auswahl stehen, offenbar Touristinnen aus den Niederlanden. „Nee“, sagen die kurz angebunden, und dann, wie zur Wiedergutmachung: „Danki.“ Das ist Papiamentu.

„Danki“ sagt auch der Präsident des Parlaments von Curaçao, wenn ein Abgeordneter seine Rede beendet hat. Die Gesetzgeber tagen nur ein paar hundert Meter vom Plattenladen der Jobs entfernt. Seit 1958 diskutieren die Abgeordneten auf Papiamentu, vier Jahre zuvor hatte Curaçao die Selbstverwaltung erlangt. Neulich etwa stand zur Debatte, ob die Insel ein eigenes Olympisches Komitee bekommen soll oder nicht.

Die Frage liegt durchaus auf der Hand. Schließlich wurde am 10. Oktober 2010 der Landesverband der Niederländischen Antillen aufgelöst. Seitdem ist Curaçao ein eigenständiges Land im Niederländischen Königreich. Manche Politiker aber verlangen noch mehr Autonomie, etwa der Chef der Partei Pueblo Soberano, Helmin Wiels. Er würde Curaçao gerne ganz von den Niederlanden lösen und zugleich Niederländisch als Amtssprache abschaffen. „Das ist so tot wie Altgriechisch oder Latein“, sagt Wiels. Tatsächlich wird Niederländisch vor allem bei offiziellen Anlässen gesprochen und, eher widerwillig, wenn Niederländer die Sprache der Einheimischen nicht verstehen.

Wie war es möglich, dass die Kreolsprache die Hochsprache der niederländischen Kolonialmacht derart überrollte? Um das zu verstehen, muss man auf die Ursprünge der Sprache zurückblicken. Unter Linguisten gibt es zwei Theorien: Die einen sind der Ansicht, die Entwicklung von Papiamentu habe auf Curaçao selbst stattgefunden. Die anderen meinen, afrikanische Sklaven hätten eine Vorform der Sprache von den Kapverdischen Inseln mitgebracht. „Das ist auch eine ideologische Frage“, sagt Sprachwissenschaftler Jacobs. „Die Einheimischen wollen gerne glauben, dass Papiamentu auf ihrer Insel entstanden ist.“

Stimmt die Theorie der Einheimischen, ist die Entstehung der Sprache jüdischen Händlern zu verdanken. Im 17. Jahrhundert eröffneten sie dort, wo sich das Karibische Meer ins Innere der Insel drängt und eine Bucht, das Schottegat, formt, ihre Geschäfte – schmale, hohe Häuser, bis heute erhalten, die sich an der Handelskade von Willemstad aufreihen, manche mit verzierten Giebeln, andere mit Säulen, in Pink, Mintgrün, Hellblau.

Die Händler an der Handelskade waren sephardische Juden. Sie stammten ursprünglich von der Iberischen Halbinsel,von wo ihre Vorfahren um 1500 vertrieben wurden. Einige der Flüchtlinge siedelten sich in den Niederlanden an, und einige ihrer Nachfahren folgten rund 150 Jahre später dem Ruf der Kolonialherren, die Militärbasis Curaçao zu einem Handelsstützpunkt auszubauen.

Möglicherweise reisten viele nicht direkt aus der Alten Welt an, sondern aus Brasilien, wie die Sprachforscherin Silvia Kouwenberg von der University of the West Indies auf Jamaika vermutet. In Brasilien hatten sich schon früher Juden aus Europa niedergelassen, dann wurden sie abermals vertrieben. Woher sie auch kamen, sie importierten ihr geschäftliches Geschick und ihre Sprachen. Auf Curaçao dann brauten sie sich aus ihrem Portugiesisch und Spanisch, aus Niederländisch und Resten indigener und afrikanischer Sprachen, die Sklaven mitbrachten, eine neue Sprache. Das war der Anfang von Papiamentu, so die Theorie.

„Ich finde das nicht sehr plausibel“, sagt Sprachforscher Jacobs. Er vertritt die andere Theorie, wonach Sklaven aus Afrika ein „Protopapiamentu“ mitbrachten. Mitte des 17. Jahrhunderts, also gleichzeitig mit der Ankunft der jüdischen Händler, wurde Curaçao zum Umschlagplatz für Sklaven, die in die süd- und mittelamerikanischen Kolonien weiterverkauft wurden. Die meisten kamen von den Kapverden, einer portugiesischen Kolonie. „Die grammatische Struktur des Papiamentu stammt aus dem Portugiesischen, genauso wie viele Funktionswörter und Fragewörter“, sagt Jacobs. Der spanisch geprägte Wortschatz sei dann später in diese portugiesische Form gegossen worden, von Händlern und Missionaren aus Südamerika, womöglich auch von den spanischen Juden. „Viele linguistische Details, zum Beispiel die Bildung der Zeiten, sprechen aber dafür, dass Papiamentu ursprünglich von den Kapverden kommt“, sagt Jacobs.

So oder so, schon im 18. Jahrhundert sprach auf Curaçao beinahe jeder Papiamentu, sogar viele Niederländer. Dieses seltsame Kauderwelsch war zur Lingua franca geworden, wie der Kreolexperte Derek Bickerton von der University of Hawaii sagt, zum allgemeinen Verständigungsmittel im Wirrwarr der Sprachen. Und wenn die jüdischen Händler Papiamentu schon nicht erfanden, so haben sie es seinerzeit doch entscheidend gestärkt, indem sie die Wirtschaft der Insel ankurbelten. So strahlte das niederländische Goldene Zeitalter, der wirtschaftliche und kulturelle Boom der Kolonialmacht im 17. Jahrhundert, auch ein wenig auf Curaçao ab.

Die wirtschaftliche Stärke hatte die Insel aber nicht nur der Geschäftstüchtigkeit der Einwanderer zu verdanken, sondern auch ihrer Geografie: 60 Kilometer vor der Küste Südamerikas gelegen und mit einer Vielzahl an natürlichen Häfen ausgestattet, war und ist sie ein perfekter Handelsplatz. „Boka“ nennen die Einheimischen die geschützten Buchten, Münder. Und tatsächlich sieht es so aus, als reiße die Insel entlang ihrer Südküste immer neue Rachen auf, um das Salzwasser des Karibischen Meeres zu schlucken.

Der größte dieser Münder, das Schottegat, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schauplatz eines neuen, zweiten Booms. Der Ölkonzern Shell suchte einen Standort für eine Raffinerie für das vor der Küste Venezuelas geförderte Rohöl. Die politischen Verhältnisse auf dem Festland erschienen den Firmenchefs zu heikel, da entdeckten sie diese längliche Insel für sich; sie schien politisch gefestigt und von Natur aus geeignet. In der riesigen, fast kreisrunden Bucht baute Shell in den 1920er Jahren eine der größten Erdölraffinerien der Welt. Von der Handelskade aus ist in der Ferne der Moloch aus Tanks, Rohren und Leitungen zu sehen. Die Raffinerie ist auch heute noch in Betrieb, gehört jetzt aber der staatlichen Petróleos de Venezuela.

Die Tatsache, dass es Curaçao stets besser ging als seinen karibischen Nachbarn, erklärt sicherlich einen Teil des Erfolgs der Sprache. Von Beginn an hatte Papiamentu einen Vorsprung an Prestige, weil es eben vor allem Geschäftsleute waren, die es nutzten. Zugleich blieb der Einfluss des Niederländischen eher gering, weil die Kolonialherren den Handel an die sephardischen Juden abgegeben hatten. Die Geschäftssprache war somit Papiamentu, nicht Niederländisch.

Der ökonomische Erfolg trug außerdem dazu bei, dass weit mehr Menschen lesen und schreiben konnten als in anderen Kolonien. Und er finanzierte das Luxusgut Kultur. „Daher gibt es ein hohes Maß an intellektueller Aktivität auf Curaçao“, sagt Jacobs. „Und sie wächst weiter, zum Beispiel in der Literatur. Das ist ein Zeichen von Vitalität.“

Übersetzerin Berry-Haseth ist gerade dabei, die ungewöhnlich lange und intensive literarische Tradition der Insel um ein weiteres Werk zu bereichern. „Es hätte gleich auf Papiamentu geschrieben werden sollen“, meint die 73-Jährige. Doch das wollte Schriftsteller Frank Martinus in den 1970er Jahren gar nicht, sagt er, auch wenn sein Roman in seiner Heimat spielt. „Ich wollte große Literatur schreiben, ‚Dubbelspel‘ ist ein formales Experiment. Ich fand, das funktioniert auf Papiamentu nicht.“ Und es hätte ihm kaum die Anerkennung in Europa eingebracht, die er sich wünschte.

Auch bei der Übersetzung prallen die Ansichten von Autor und Übersetzerin aufeinander. „Frank hat eine merkwürdige Art, Papiamentu zu benutzen“, schimpft Berry-Haseth, die selbst Gedichte schreibt. Sie hat ihm das fertige Manuskript geschickt; zurück kam es überzogen mit handschriftlichen Anmerkungen. „Hier“, empört sie sich, „hier will er ‚di ripiente‘, für ‚plötzlich‘, aber ich mag die Variante ‚di repente‘ lieber.“ Sie blättert durch den Aktenordner, stößt mit dem Zeigefinger auf weitere Streitfälle: „komprondé“ gegen „komprendé“, „sufishiente“ gegen „sufisiente“, „sirbishi“ gegen „servisio”.

Der Buchstabenstreit zeigt, dass Papiamentu alles andere als eine fix und fertig standardisierte Sprache ist. Es wird phonologisch geschrieben, also so, wie es gesprochen wird, und da gehen die Meinungen auseinander. Zwar gibt es seit 2009 eine Art Duden, das „Buki di Oro“, Goldenes Buch, aber das hindert die Menschen auf Curaçao nicht daran, eine teilweise anarchische Orthografie zu pflegen. Doch in der Sache Berry-Haseth gegen Martinus geht es um weit mehr als ein paar verschobene Vokale, es geht um Politik.

Sie, die Nachfahrin sephardischer Juden, hängt an der traditionellen hispanisierten Schreibweise, die sie für gebildeter hält. Er, der schwarze Autor, kämpft für die Eigenständigkeit des Papiamentu. Die beiden kennen sich seit fast 50 Jahren. Und schon immer waren ihre Positionen unterschiedlich. „Ich erinnere mich noch gut an 1969”, sagt Berry-Haseth. „Es war das Jahr der Revolte“, ein Jahr, in dem Berry-Haseth und Martinus besonders heftig miteinander diskutierten.

Damals, im Mai 1969, hatten die Werktätigen in den Fabriken ihrer Unzufriedenheit Luft gemacht und die Arbeit niedergelegt. Sie forderten mehr Geld. Doch schnell wurde aus dem Ausstand ein Kampf der schwarzen Bevölkerungsmehrheit gegen die weiße Führungselite. Schließlich trat die Regierung zurück und rief Neuwahlen aus. Das war die Wende, von nun an gewannen die Einheimischen mehr und mehr an Macht.

„Frank war ein radikaler Hardliner“, sagt Berry-Haseth. „Er gab ein Magazin heraus und stachelte die Leute dazu an, sich zu emanzipieren.“ Sie dagegen hielt es mit den Gemäßigten. „Damals sollte plötzlich alles, was nicht schwarz und Papiamentu war, nicht mehr hierhin gehören. Aber es ist doch gerade die Vielfalt, die uns so reich macht.“

Für den Streit um Wörter haben Übersetzerin und Autor dann doch eine friedliche Lösung gefunden: Nachdem sie ihm ein zwölfseitiges Pamphlet mit ihren Standpunkten geschickt hatte, antwortete Martinus, man habe keine Zeit für solche Diskussionen. Nun siebt Berry-Haseth akribisch die Änderungen heraus, die ihr einleuchten, ansonsten bleibt sie hartnäckig. Sie schrieb dem Autor zurück: „Ta huntu nos ta forma nos lenga“, gemeinsam formen wir unsere Sprache.

In der politischen Auseinandersetzung Ende der 1960er Jahre aber verbirgt sich laut Jacobs ein weiterer Grund für die Stärke des Papiamentu. „Die Sprache wurde dadurch noch mehr als ohnehin schon zu einem Identitätsmerkmal.“ Und Papiamentu habe es den Einheimischen leicht gemacht, sich von den Niederländern zu unterscheiden, eben weil es so anders als das Niederländische ist.

„Meist baut eine Kreolsprache auf der Sprache der Kolonialmacht auf“, erklärt Jacobs. „Dann läuft sie Gefahr, einfach geschluckt zu werden. So wie etwa Fa d’Amboh, ein portugiesisches Kreol in Äquatorialguinea. Das ist fast ausgestorben.“ Papiamentu dagegen stehe für ein selbstbestimmtes Curaçao. Kreolexperte Bickerton, der zahlreiche Mischsprachen untersucht hat, sagt es so: „Papiamentu wurde einfach die Sprache der Insel.“

350 Jahre ist sie nun alt, die Kreolsprache von Curaçao. Und obwohl sie hohes Ansehen genießt, gibt es Bereiche, in denen sie sich bisher nicht durchsetzen konnte. „Die Leute lieben Papiamentu, aber in der Schule wird es schwierig“, sagt Sprachforscherin Kouwenberg. Papiamentu ist in vielen Klassen nicht Unterrichtssprache, es existiert ein Neben- und Durcheinander von Modellen, in denen Niederländisch und das Kreol unterschiedlich große Rollen spielen.

„Es herrscht immer noch die Meinung, dass Niederländisch in der Bildung besser ist“, sagt Marta Dijkhoff, Linguistin aus Curaçao, die in Willemstad eine Firma für Sprachlernberatung gegründet hat. „Papiamentu hat zwar allgemein einen guten Ruf, aber wenn es um geschriebene Sprache oder offizielle Anlässe geht, ist Schluss damit. Meinen Eid musste ich auch auf Niederländisch leisten.“ Dijkhoff war von 1994 bis 1998 Bildungsministerin der damals noch existierenden Niederländischen Antillen und kämpfte für Unterricht auf Papiamentu. Doch der Widerstand war groß.

Lange waren die Kinder, die zu Hause fast ausschließlich Papiamentu sprechen, mit Schulbeginn ins kalte Wasser geschubst und vom ersten Tag an auf Niederländisch unterrichtet worden. Irgendwie würden sie es schon lernen, meinte man. „Das führte zu schlechten Leistungen und hohen Abbrecherquoten“, sagt Dijkhoff. „Die Schüler mussten ja gleichzeitig eine völlig neue Sprache und den Stoff lernen.“

Erst 2001, nach langem Hin und Her, erlaubte die damalige Regierung von Curaçao Papiamentu als Unterrichtssprache. Keine fünf Jahre später kehrten viele Schulen zum Niederländischen zurück. Die Begründung: Es fehlten Schulbücher auf Papiamentu. Zwar gibt die „Fundashon pa Planifikashon di Idioma“, die Stiftung für Sprachvereinheitlichung, seit Jahren Lehrbücher für Papiamentu heraus, doch für Biologie-, Mathematik- oder Geografiebücher in der Inselsprache reichte seinerzeit das Geld nicht. Und die politischen Entscheidungsträger wollten wohl auch nicht so recht. Jetzt hofft Dijkhoff auf die neue, eigenständige Regierung. „Die Muttersprache sollte die Grundlage fürs Lernen sein. Das würde auch das Selbstwertgefühl stärken.“

Schriftsteller Martinus hatte schon 1987 genug von dem politischen Gezerre. Seine Tochter war gerade vier Jahre alt geworden, der Schubs ins kalte Wasser nicht mehr weit entfernt. Zusammen mit 100 anderen Eltern gründete er das Kolegio Erasmo, wo ausschließlich auf Papiamentu unterrichtet wird, außer natürlich in den Fremdsprachen Niederländisch, Englisch und Spanisch. Inzwischen hat die Schule eine Oberstufe bekommen, die einzige auf Curaçao, in der die Sprache der Insel auch Unterrichtssprache ist. „Es ist sogar die erste Mittelschule der Welt, in der vollständig in einer Kreolsprache unterrichtet wird“, sagt der Gründer.

In einem flachen, gelb gestrichenen Gebäude des Kolegio sitzt Kayoina King über einem niederländischen Schulbuch. Die 17-Jährige mit den eng am Kopf geflochtenen Zöpfchen, die von einem rosa Haarband zusammengehalten werden, hat Mühe mit der Fremdsprache. „Ich bin erst vor einem Jahr aus Jamaika hierher gekommen, für mich ist Niederländisch besonders schwierig“, erzählt King,die zu Hause nur Englisch gesprochen hat. Papiamentu habe sie dagegen fast nebenbei gelernt. „Es ist leicht, es wird ja überall gesprochen.“

Jetzt plagt sie sich mit einem Lehrbuchtext darüber, wie die Holländer im 13. Jahrhundert einen Damm in den Fluss Amstel bauten und so das spätere Amsterdam vor den Nordseefluten schützten. Auch wenn das Thema mit ihrem neuen Leben auf Curaçao nichts zu tun habe, sei Niederländisch für sie sehr wichtig, meint die Jamaikanerin. „In Holland gibt es einfach bessere Universitäten als hier, deshalb muss ich hart an der Sprache arbeiten.“ King will Journalistin werden. Mit ihrer Muttersprache Englisch könnte sie zwar in den USA studieren, doch in den Niederlanden gibt es Stipendien für Studenten aus Curaçao.

Wer auf der Insel bleibt und an der University of the Netherlands Antilles studieren will, muss die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht ebenfalls gut beherrschen. Seit ihrer Gründung Ende der 1970er Jahre wird dort fast ausschließlich auf Niederländisch gelehrt, mit einer Ausnahme: Inzwischen werden Papiamentu-Lehrer ausgebildet.

Könnte man überhaupt Atomphysik, Mikrobiologie und Finanzwissenschaften auf Papiamentu unterrichten, fehlen der Sprache da nicht die Wörter? „Die müssen wir erfinden“, meint Exbildungsministerin Dijkhoff. „Die Sprache muss wachsen. Das hat ja mit Bahasa in Indonesien auch funktioniert.“ Dort hatte eine Sprachkommission Ende der 1950er Jahre die nach der englischen Kolonialherrschaft völlig veraltete Sprache mit Tausenden Wortschöpfungen modernisiert.

Eine Doktorarbeit auf Papiamentu, das scheint noch weit weg. „Erst einmal wäre viel gewonnen, wenn zumindest in der Mittelschule auf Papiamentu unterrichtet würde“, sagt Dijkhoff. „Am Kolegio Erasmo schaffen 90 Prozent der Schüler einen höheren Abschluss, im Durchschnitt sind es auf Curaçao nur 60 bis 70 Prozent.“ Und Einwanderern wie Kayoina King hilft die leicht zu lernende Sprache, sich zu integrieren.

Vielleicht ist ja gerade dies das Geheimnis von Papiamentu. Schulgründer und Schriftsteller Martinus sagt es so: „Warum Papiamentu so stark ist? Weil es so einfach ist.“