Arbeiten

Was essen Sie am allerliebsten?

ZEIT Wissen, 4/2016   –   Titelgeschichte

Eigentlich hat Nicola Pirastu nur Marmeladenbrot gegessen, die ganzen 45 Tage lang. Man könnte auch sagen: viele Tausende Kilometer lang. In Georgien, in Aserbaidschan, in Turkmenistan, in Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan – nichts als Marmeladenbrot. Kurz vor der Abreise war er krank geworden, ein Problem mit der Bauchspeicheldrüse. Deshalb die strenge Ansage von seinem Hausarzt: auf Fett verzichten! Das ist allerdings eine Diätvorschrift, die sich mit den Essenstraditionen der Wüstenvölker nicht vereinbaren lässt. Da blieb Nicola Pirastu nur eins übrig: Brot mit Marmelade aus der Heimat, aus Italien.

Dabei wollte der Populationsgenetiker von der Universität Triest die Geschmäcke der Seidenstraße erforschen, jener uralten Handelsroute, auf der neben Seide, Porzellan und Jade schon vor mehr als 2000 Jahren Gewürze aus Asien nach Europa eingeführt wurden. Doch glücklicherweise hing der Erfolg seines Forschungsprojekts nicht davon ab, dass er die Speisen selbst verkosten konnte. Er wollte vielmehr wissen, was die Menschen an der Seidenstraße mögen – und warum.

Fast jeder Mensch hat ein Lieblingsgericht, eine Leibspeise: Bratkartoffeln! Spaghetti mit Tomatensauce! Schupfnudeln mit Sauerkraut! Kaiserschmarrn! Warum aber geht dem einen das Herz auf, wenn er nur den Geruch von Rouladen in die Nase bekommt, warum könnte der andere für Pizza Salami sterben? Was macht eine Speise so besonders, dass ein Mörder sie sich als Henkersmahlzeit wünscht (siehe Seite 32)? Warum also mögen wir, was wir mögen? Die Frage geht über den Rand des Tellers hinaus. Nicht zufällig ist »Geschmack« die Metapher für die Summe unserer Vorlieben. In unserem Geschmack spiegelt sich, wer wir sind. Die ganz große Frage, die durch die Frage nach der Leibspeise hindurchschimmert, ist also die: Wieso sind wir eigentlich, wer wir sind?

Die Leibspeise ist ein guter Ausgangspunkt, um dieser Frage nachzugehen. Denn der Geschmackssinn ist unser intimster Sinn: Was wir schmecken, berühren wir, ja wir verleiben es uns sogar ein. Und zugleich sind am Gesamterlebnis Geschmack auch all unsere anderen Sinne beteiligt.

[…]