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Vergiss es!

DIE ZEIT, 13. August 2015   –   Titelgeschichte

»Um etwas zu behalten, muss man zunächst sehr viel vergessen haben.« Sagt Douwe Draaisma, Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen in den Niederlanden. Man könnte ihn als Vergessensforscher bezeichnen. Ihn interessiert nicht das, was all die Gedächtnisforscher untersuchen. Er sucht nach den Lücken in den Erinnerungen. Und er hat einen merkwürdigen Widerspruch ausgemacht: »Vergessen ist absolut essenziell, gerade für das Gedächtnis. Aber es wird einfach nicht geschätzt.«

Das Vergessen hat einen schlechten Ruf. Während das Gedächtnis schon immer mit den jeweils aktuellen Technologien verglichen wurde – Platon stellte es sich als eine Wachstafel vor, dann folgten Papyrus und Pergament, später Fotos und Film und schließlich die Computerfestplatte –, existiert für das Vergessen keine schöne Metapher. Bloß für das schlechte Gedächtnis gibt es eine Analogie: das Sieb. Hier Kulturtechnik, dort löchriges Küchenwerkzeug – deutlicher könnte der Unterschied nicht sein.

Vergessen, das erscheint weder hilfreich noch fortschrittlich. Im Gegenteil, es macht Angst: Angst vor dem Verlust der eigenen Identität. Erschreckend eindringlich zeigt das der Extremfall des Gedächtnisverlusts, die Alzheimerkrankheit. Und doch ist das Vergessen nicht nur eine Bedrohung für unsere Existenz – es ist eine ihrer wichtigsten Bedingungen. Denn ohne das Löschen wären wir unfähig, etwas zu speichern. Mehr noch: Wir wären unfähig zu handeln, zu lernen, ja vielleicht sogar unfähig zu lieben.

Das gilt womöglich für ganze Gesellschaften. Während Neurowissenschaftler und Psychologen den Nutzen des individuellen Vergessens entdecken, diskutieren Historiker, Soziologen und Politikwissenschaftler heftig über den kollektiven Umgang mit der Vergangenheit: Vergessen – darf man das? Ist es möglicherweise sogar gut? Der Soziologe Harald Welzer hat sich sein ganzes Forscherleben lang mit sozialem Gedächtnis und Erinnerungskultur beschäftigt. Er meint: »Die weitverbreitete Vorstellung, dass Erinnern grundsätzlich gut ist und Vergessen böse, ist totaler Quatsch.«

Der Soziologe Niklas Luhmann schrieb in seinem Monumentalwerk Die Gesellschaft der Gesellschaft: »Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liegt also im Vergessen, im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen.« Das Vergessen räume Kapazitäten für Aufmerksamkeit und Kommunikation frei. Sozialverhalten ist demnach nur durch das Vergessen möglich.

Ausgerechnet ein Historiker befeuerte die Debatte mit einer Erinnerung an die Heilkraft des Vergessens. Christian Meier ist einer der bekanntesten Geschichtswissenschaftler Deutschlands. Seine These: Das Schlimme wiederhole sich manchmal gerade deshalb, weil die Menschen sich daran erinnerten. Erinnerung erzeuge häufig den Drang zur Rache und zur Erwiderung der Rache. In seinem Essay Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns schildert Meier, wie die Menschen seit der Antike nach Kriegen auf Amnestie setzten, um neue Kriege zu vermeiden. Die Verbrechen der Nationalsozialisten hätten dieses »Gebot zu vergessen« außer Kraft gesetzt, die Erinnerung an Auschwitz sei »unabweisbar«. Und doch stelle sich die Frage, ob Erinnern in jedem Fall besser sei als Vergessen: »Was alles (…) wäre Millionen Menschen, ja Europa und der Welt erspart geblieben, wenn die Serben die Schlacht auf dem Amselfeld und die Türkenherrschaft vergessen (oder jedenfalls nicht so verdammt lebendig erinnert) hätten.«

Das Gegenteil geschichtsdurchtränkter Gegenwart findet sich am Amazonas, bei den Pirahã. Dieses Volk hat keine Erinnerung an Ereignisse, die mehr als zwei Generationen zurückliegen. Ja, es hat nicht einmal Wörter dafür. Die Verben seiner Sprache kennen keine Vergangenheitsformen, es existiert kein Wort für »Großeltern«, schon gar keins für »Urgroßeltern«. Das oberste Prinzip der Pirahã-Kultur sei die unmittelbare Erfahrung, sagt der amerikanische Sprachwissenschaftler Daniel Everett. Er kennt das Volk gut, vor mehr als 35 Jahren reiste er zum ersten Mal in den brasilianischen Dschungel, als Missionar. Doch die Pirahã hatten keinerlei Verwendung für seine zweitausend Jahre alte Botschaft. Sie seien so heiter und zufrieden wie kaum jemand sonst, erzählt Everett, sie grübelten nicht über die Vergangenheit und sehnten sich nicht nach Erlösung. Das machte dem Missionar seine Aufgabe unmöglich. Heute ist er Atheist.

Selige Geschichtslosigkeit hier, heilloses Gedenken dort – das sind zwei Extreme des kollektiven Gedächtnisses. Verordnetes Vergessen stifte keinen Frieden, sagt Oliver Dimbath, der eine Soziologie des Vergessens herausgegeben hat. »Opfer müssen anerkannt, Täter gehört und zur Rechenschaft gezogen werden.« Nach einem solchen Prozess aber könne Vergessen heilsam sein.

Verblüffend, wie sehr die Diagnosen und Therapievorschläge der Vergessensbefürworter unter den Gesellschaftsforschern jenen der psychologischen Advokaten des Vergessens gleichen. Und auch die Widerstände, auf die sie stoßen, sind ganz ähnlich. »Es herrscht einfach noch immer die Vorstellung vor, durch Unterdrücken von Erinnerungen bekomme man psychische Probleme«, sagt der Psychologe Karl-Heinz Bäuml von der Universität Regensburg. »Das geht noch auf Freud zurück.« Eine frisch veröffentlichte Studie zeigt aber, dass das genaue Gegenteil richtig sein könnte: Patienten mit posttraumatischer Belastungsstörung können Erinnerungen weniger gut unterdrücken als Menschen, die zwar Traumatisches erlebt haben, aber nicht krank geworden sind. Offenbar schützt die natürliche Fähigkeit, Erinnerungen abzuwehren, vor psychischen Problemen. Vergessen kann eine gesunde Reaktion sein.

Und ständiges Erinnern kann krank machen, selbst wenn es um Alltäglichkeiten geht. Das zeigt der Fall von AJ. Dieses Kürzel gab der Hirnforscher James McGaugh der Frau, die ihm im Juni 2000 eine E-Mail schrieb: »Ich hoffe, dass Sie mir irgendwie helfen können. (…) Ich habe diese unglaubliche Fähigkeit, mich an meine Vergangenheit zu erinnern. (…) Das geht pausenlos so, es ist unkontrollierbar und vollkommen erschöpfend.«

McGaugh lud die Frau in sein Labor an der University of California in Irvine ein. Er testete sie. Wenn er ihr ein Datum nannte, erinnerte sie sich sofort daran, was für ein Wochentag es gewesen war und was sie an diesem Tag gemacht hatte, sie spulte die Ereignisse ab wie einen Film. Und das zurück bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr, also über 20 Jahre ihres Lebens. McGaugh war solch einem Menschen noch nie begegnet, und er fand auch in der wissenschaftlichen Literatur keinen ähnlichen Fall. Fünf Jahre lang testete er AJ immer wieder, dann veröffentlichte er ihre Fallstudie in der Fachzeitschrift Neurocase. Ihrer erstaunlichen Fähigkeit gab er den Namen hyperthymestisches Syndrom, abgeleitet vom griechischen Wort für »Supergedächtnis«. Inzwischen ist die Identität von AJ aufgedeckt, die Frau mit dem außergewöhnlichen Erinnerungsvermögen heißt Jill Price und wohnt in Los Angeles.

Nach der Veröffentlichung meldeten sich mehr als 600 Menschen bei James McGaugh, die behaupteten, ebenfalls ein solch gigantisches Gedächtnis zu haben. Die meisten wurden schnell als Schwindler entlarvt. Aber bei einigen stellte der Hirnforscher ähnliche Fähigkeiten fest – und ähnliche Schwierigkeiten. Diese Menschen verbringen sehr viel Zeit in der Vergangenheit, und sie kreisen ständig um sich selbst. Alle haben zwanghafte Züge: Sie sammeln, dokumentieren, archivieren. Viele leiden unter Depressionen. Die sind auch bei Menschen mit normalem Gedächtnis eine Krankheit des Nichtvergessenkönnens: Die Erkrankten hängen in ihren dunklen Erinnerungen fest, können Vergangenes, Verlorenes oder Versäumtes nicht loslassen.

Manche der Supermerker suchen auch ihr Glück im Gestern. Die 23-jährige Alexandra Wolff zum Beispiel erzählte dem amerikanischen Radionetzwerk NPR, sie spiele den Lieblingstag ihrer Kindheit (mit Käsemakkaroni und Schwimmen im Pool) etwa viermal pro Woche im Geist durch, teilweise in Echtzeit; sie schätzte, dass sie damit schon etwa 2.000 Stunden ihres Lebens verbracht habe. Nichts gegen schöne Kindheitserinnerungen – aber in diesem Fall möchte man ihr zurufen: Vergiss es! Mach Platz für neue Lieblingstage!

Menschen mit dominierenden Erinnerungen konservieren auch Enttäuschungen und Zurückweisungen, jeden Fehler, jedes ungerechte Wort. Das macht ihnen selbst das Leben schwer – aber auch ihren Mitmenschen. Denen erscheinen sie häufig als nachtragend und rechthaberisch.

»Die beste Voraussetzung für eine glückliche Ehe ist ein schlechtes Gedächtnis« – an diesem Bonmot ist etwas dran. Wie könnten wir lieben, wenn wir uns an alles erinnerten? An die Barthaare im Waschbecken, das gewohnheitsmäßige Zehn-Minuten-Zuspätkommen, das Herumstehenlassen halb voller Wassergläser, an die alltäglichen Banalitäten eben. Und an die alltäglichen Dummheiten, das Aufbrausen wegen Nichtigkeiten, das Besserwissen, wenn Zuhören angesagt ist, oder die Pingeligkeit – an all die Dinge also, die längst bekannt und besprochen, aber eben doch nicht (oder nicht so schnell) zu ändern sind von dem Menschen, den man liebt. In all diesen Fällen macht das Vergessen das Miteinander menschlicher.

Was aber ist mit den außergewöhnlichen Dummheiten, dem Seitensprung, der sexuellen Affäre? Sie können Paare lange quälen. So lange, bis sie einem Paartherapeuten gegenübersitzen. Einem wie Wolfgang Krüger in Berlin. Nach tiefen Verletzungen sei ein langer Versöhnungsprozess nötig, sagt er.

Drei Stufen seien zu erklimmen: Der Betroffene müsse sagen können, wie sehr er gekränkt ist. Der andere müsse das anerkennen und sich erklären. Und sich dann neu um seinen Partner bemühen. »Wenn das alles getan ist, muss es aber erledigt sein. Dann ist Vergessen ein Segen«, sagt der Therapeut. Das klingt erstaunlich ähnlich wie die Empfehlungen der Gesellschaftsforscher für einen großen Friedensschluss.

Und doch ist da dieses Paradox: Die Liebe braucht Erinnerungen, natürlich, an den Nachtzug nach Budapest, an die Schnäpse in der Hoheluft-Klause, an den Blick vor dem »Ja« im Standesamt. Weniges ist verletzender, als wenn der Geliebte gerade diesen einen Moment vergessen hat. Und wenn er mehrere, gar viele Momente vergessen hat, keimt ein Verdacht: Ist ihm das alles vielleicht gar nicht so teuer, liebt er mich womöglich gar nicht so sehr? Der Verdacht mag hin und wieder berechtigt sein, aber häufig liege das Problem woanders, sagt die Paartherapeutin Andrea Seiferth aus Hamburg. »Wenn solche Fragen sehr schnell auftauchen, ist oft das Vertrauen in den anderen nicht so groß – oder das Vertrauen in sich selbst. Wer das Vergessen nicht aushält, spürt häufig eine große Unsicherheit.« Denn wer unsicher ist, sucht in Erlebtem, Bekanntem, Vertrautem Halt – und hält es fest. Spätestens dann kippt das Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen in zwanghaftes Konservieren. Wer das Erinnern übertreibt, mumifiziert die Liebe.

Kurz gesagt: Wenn die Beziehung gesund ist, tut Vergessen meist gut.

Das Vergessen ist womöglich sogar das Zeichen echten Vergebens: Während Verzeihen ein bewusster Akt ist, geschieht das Verblassen der Erinnerung von selbst – aber nur dann, wenn die Verletzung wirklich gesühnt, die Liebenden tatsächlich versöhnt sind.

»Wenn wir nichts vergessen würden, wäre unser Gedächtnis schnell überlastet«, sagt Douwe Draaisma, der Vergessensforscher. »Aber nicht, weil der Speicherplatz begrenzt wäre – sondern weil wir Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden könnten.« Welch große Rolle das Löschen beim Speichern spielt, zeigen schon die verhältnismäßig schlichten Abläufe im Ultrakurzzeitgedächtnis. Es verarbeitet vor allem sinnliche Reize: Augenblicke, Geräuschschnipsel. Visuelle Eindrücke kann es bloß für Sekundenbruchteile bewahren, akustische für wenige Sekunden. Was dann nicht weitergeleitet wurde, ist für immer verschwunden. Und doch ist es nicht wünschenswert, den Moment länger festzuhalten; dies würde das Gedächtnis nicht verbessern, sondern ein Durcheinander anrichten. Der Augenblick von gerade eben würde ständig dem nächsten in die Quere kommen.

Auch der Bereich des Gedächtnisses, der uns am wichtigsten ist, das autobiografische Gedächtnis, das unsere persönlichen Erinnerungen speichert und unsere Identität formt, ist vom Vergessen geprägt. Das Leben beginnt sogar damit: Zu keiner Zeit löscht das Gehirn so eifrig wie in unseren ersten Jahren. Die frühesten Erinnerungen setzen meist erst im Alter von drei oder vier Jahren ein. Das liegt zum einen daran, dass mit der Entwicklung von Sprache und Ich-Bewusstsein Eindrücke sozusagen in einem neuen Format gespeichert werden und Erinnerungen im alten Format nicht mehr lesbar sind. Aber es liegt auch daran, dass Kinder beginnen, ihre Erfahrungen in routinemäßige Abläufe zu sortieren, sogenannte Skripte: Essen, Baden, Zoobesuch. Dabei gehen die einzelnen Erinnerungen verloren – und werden zu Wissen.

»Unsere frühesten Erinnerungen unterstreichen vor allem das Vergessen, von dem sie umgeben sind«, sagt Douwe Draaisma. Das zeige ganz beispielhaft die erste Erinnerung von Ria Lubbers, der Frau des ehemaligen niederländischen Ministerpräsidenten: Als Mädchen sei sie erstaunt gewesen, erzählte sie einmal, dass ihre Mutter im Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten belogen habe, als diese gefragt hätten, ob ihr Mann zu Hause sei. Dieses Erstaunen habe nur entstehen können, weil die kleine Ria zuvor die Erfahrung gemacht habe, dass ihre Mutter sonst nie log, sagt Draaisma. Und an eben diese erstaunliche Lüge erinnerte sie sich – nicht aber an all die Male davor, in denen die Mutter die Wahrheit gesprochen hatte, an den Normalfall also. Gerade beim Vergessen des Gewöhnlichen entsteht unser Gefühl für Normalität.

Dieses Gefühl ist äußerst praktisch. Abweichungen werden blitzschnell erkannt und gespeichert. Das kann lebensrettend sein – ein entscheidender Faktor bei der Evolution unseres Gedächtnisses: Vorteilhaft war nicht, alle Erfahrungen akribisch zu archivieren, sondern auf besonders wichtige schnell zugreifen zu können. Unser Gedächtnis ist nicht für die Vergangenheit gemacht, sondern für die Zukunft.

Manchmal aber wendet sich dieser Mechanismus gegen uns. Lebensbedrohliche Erfahrungen krallen sich besonders hartnäckig ins Gedächtnis – wer Opfer eines Unfalls, einer Gewalttat oder eines Terroranschlags wurde, leidet manchmal sein Leben lang daran. Was hilft gegen die übermächtige Erinnerung? Vorbeugendes Erinnern! Das war lange die Antwort vieler Psychologen. Möglichst direkt nach einem furchtbaren Ereignis sprachen sie mit den Opfern deren Erlebnisse systematisch durch, ließen sie den Schrecken noch einmal durchleben, in einer Sitzung von oft mehreren Stunden. Dieses »Debriefing« sollte posttraumatischen Belastungsstörungen vorbeugen. Einige Firmen schrieben es gar für ihre Mitarbeiter vor, wenn diese im Unfall- oder Katastropheneinsatz gewesen waren. Auch nach den Terroranschlägen vom 11. September wurde diese Technik hundertfach eingesetzt. Doch in den folgenden Jahren zeigten mehr und mehr Studien: Das Zwangserinnern lindert das Leid nicht – sondern verstärkt es oft sogar.

»Durch das gezielte Erinnern werden die natürlichen Erholungsmechanismen gestört«, sagt der Psychologe Richard McNally von der Harvard University, der posttraumatische Belastungsstörungen erforscht. Das liege an einer grundsätzlichen Eigenheit unseres Gedächtnisses: Jedes Mal, wenn wir eine Erinnerung abrufen, verändern wir sie unweigerlich und speichern dann die neue Version ab. Wir erinnern uns also nicht an das, was tatsächlich passiert ist, sondern an die letzte gespeicherte Version. Für die Behandlung von Traumaopfern hat dieser Mechanismus große Bedeutung. »Wenn beim gezielten Erinnern die Emotionen so richtig hochkochen, wird der Schrecken verfestigt«, erklärt McNally. Gebe man dagegen den Gefühlen die Chance, zu verblassen, sei das heilsam.

Forscher arbeiten inzwischen sogar an Medikamenten, die traumatische Erinnerungen dämpfen, verändern oder gar nicht erst entstehen lassen sollen. Sie alle zielen auf einen Prozess, der entscheidend für das Gedächtnis ist: Damit ein Erlebnis abgespeichert wird, müssen im Gehirn bestimmte Eiweiße gebildet werden. Könnte man deren Produktion bremsen – würde sich dann nicht auch die Erinnerung verflüchtigen?

Einer der Begründer dieser Forschung ist der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux von der New York University. Er weiß, wie man Ratten das Fürchten lehrt – und wie man sie wieder von der Angst befreit. Zunächst verpasste er den Tieren Stromstöße, und zwar immer dann, wenn ein Signal ertönte. Bald erstarrten die Ratten auch vor Schreck, wenn nur das Geräusch erklang. Schlichte Konditionierung. Dann aber spritzte er den Nagern während dieses Schocktrainings einen Stoff ins Hirn, der die Produktion der Gedächtniseiweiße hemmt. Ließ er nun allein das Geräusch ertönen, reagierten die Ratten gelassen; der Ton war für sie nicht mit den Elektroschocks verbunden, sie hatten den Zusammenhang offenbar nicht abgespeichert.

Das brachte einen von LeDoux’ Mitarbeitern, Karim Nader, auf eine abenteuerliche Idee: Könnte man das Mittel nicht auch nutzen, um bereits gespeicherte Erinnerungen zu löschen? Zunächst konditionierte er Ratten wie zuvor, sodass sie schon allein das Signal in Angst versetzte – erst danach injizierte er den Gedächtnisblocker, und zwar unmittelbar nachdem das Signal ertönt war. Und tatsächlich: Die Tiere verloren die Furcht vor dem Ton wieder. Die Verbindung zwischen Geräusch und Stromschlag wurde offensichtlich gelöscht.

Dahinter steckt derselbe Mechanismus, der das Debriefing von Traumaopfern so fatal macht: Wenn Erinnerungen abgerufen werden, sind sie formbar – und offenbar sogar löschbar. Wird die erneute Abspeicherung gestört, verblassen sie.

Dem Psychiater Alain Brunet von der McGill University in Montreal ist genau das auch bei Menschen gelungen. Brunet nutzte dazu ein altbekanntes Medikament, den Betablocker Propranolol. Dieser blockiert die Rezeptoren für das Stresshormon Adrenalin und senkt so den Blutdruck – und die Produktion von Gedächtnisproteinen.

Der Psychiater bot vierzig Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen an, das Mittel auszuprobieren. Eine von ihnen war Louise O. Sie war als Teenager von einem Arzt sexuell missbraucht worden, jahrzehntelang hatte sie unter Albträumen und Beziehungsproblemen gelitten. Um nun aber die Erinnerung an den Schrecken zu löschen, musste sie diese erst einmal gezielt wachrufen. Sie schrieb ihr Erlebnis auf, schluckte die blaue Pille und las ihre Geschichte noch einmal. Das Ganze wiederholte sie sechs Mal im Abstand von je einer Woche. »Am Ende sagte sie, sie fühle sich befreit«, erzählt Brunet. »Die Erinnerung regte sie einfach nicht mehr so auf.« Auch die Symptome der anderen Probanden hätten abgenommen, und zwar um 40 bis 50 Prozent.

Andere Stoffe zeigen ähnliche Wirkungen, zum Beispiel das Stresshormon Cortisol, verschiedene Antibiotika und ein Antiallergikum. Allen ist jedoch gemeinsam, dass sie nicht die Erinnerungen an das eigentliche Ereignis löschen, sondern nur die damit verbundenen emotionalen Erinnerungen mildern. Alain Brunet sagt es so: »Sie machen aus traumatischen Erinnerungen normale schlechte Erinnerungen.«

Größer als die Erfolge der Forscher aber ist die Kritik an ihrer Arbeit. »Das liegt auch daran, dass das Erinnern prinzipiell höher geschätzt wird als das Vergessen«, sagt der Neuroethiker Adam Kolber von der Brooklyn Law School, der für die »Freiheit des Gedächtnisses« plädiert. Viele Kritiker verdammen ganz grundsätzlich das Verändern von Gedächtnisinhalten. Sie argumentieren, Löschen und Verändern von Erinnerungen könnten Identitätsstörungen verursachen. Aber genau das können auch Erinnerungen, traumatische zumal. »Wer etwas Schreckliches erlebt hat, sollte die Wahl haben, was er mit der Erinnerung daran macht«, sagt Kolber. »Es gibt einfach Erfahrungen, bei denen Vergessen besser sein kann als Erinnern.«

Auf eines laufen die meisten Entdeckungen der Psychologen und Paartherapeuten, der Gesellschaftsforscher und Geschichtswissenschaftler hinaus: Ohne das Löschen wären wir nichts.

Wir sollten deshalb endlich anfangen, das Vergessen zu schätzen! Vielleicht sollten wir ihm sogar einen kleinen Altar bauen, so wie einst einer auf der antiken Akropolis stand – für Lethe, den Geist des Vergessens. Egal, ob für den Einzelnen, für Gruppen, für ganze Gesellschaften: Vergessen hilft, Verletzungen zu überwinden und Rache zu vermeiden. Es löst Blockaden, macht uns offen für neue Erfahrungen – und andere Menschen. Es befähigt uns, Neues wirklich zu verinnerlichen; denn erst wenn der Vorgang des Lernens vergessen ist, beginnt das Können. Und es hilft, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen – und macht damit Erinnern erst möglich.

Ohne jede Erinnerung würde unser Erleben in einzelne Momente zerbröseln; wir hätten keine Identität, keine Geschichte, kein Bewusstsein unserer selbst. Aber ohne das Vergessen stünden wir vor einem chaotischen Scherbenhaufen voller Erinnerungen. So gesehen, ist ein Sieb ein lebenswichtiges Werkzeug.