Arbeiten

Immer auf der Kippe

DIE ZEIT, 14. November 2013

Die Ansage auf dem Anrufbeantworter in der psychotherapeutischen Praxis war unmissverständlich: »Hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Rufnummer – außer Sie sind Borderliner.« Diese Abfuhr erlebte eine Patientin, die jetzt in der Asklepios Klinik Nord in Hamburg untergekommen ist. Borderlinepatienten gelten als besonders schwierige psychisch Kranke. Oft schlagen ihnen negative Reaktionen entgegen. Nicht nur in der Familie. Freunde und Kollegen sind von den sozialen Dissonanzen, die diese Patienten oft auslösen, äußerst angestrengt. Und auch viele Therapeuten.

Der Hamburger Psychiater Birger Dulz gehört nicht dazu. Er ist Chefarzt der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen und einer der renommiertesten Borderlinespezialisten in Deutschland. Er versteht die Abneigung seiner Kollegen gegen diese Patientengruppe nur zu gut, denn Borderliner seien oft »unflexibel, lahmarschig, humorlos, selbstbezogen, begriffsstutzig, aggressiv, feige, kommunikationsfaul, kleingeistig, borniert, unfähig zum Verfolgen eigener Einsichten«. Die Stärken der Borderlinepatienten sieht Dulz aber auch: Sie könnten »kreativ, pfiffig, witzig, selbstironisch, hilfsbereit, intelligent, streitbar, mutig, schlagfertig, großherzig, zugewandt, einsichtig« sein. Diese Gegensätze fordern Dulz heraus, und er bekennt: »Ja, ich mag Borderliner!«

Auf Station O52A behandeln Dulz und seine Kollegen ausschließlich Borderlinepatienten. Sie arbeiten an Fragen, die jeden Menschen umtreiben: Wie viel Nähe zu anderen kann ich ertragen? Wie viel Distanz ist für mich und andere nötig? Das hört sich harmlos an, doch für die Kranken sind solche Fragen von existenzieller Bedeutung. Ihr Problem ist es nämlich, einen Korridor zu finden zwischen überschwänglicher Zuneigung und hasserfüllter Abneigung. Das führt immer zu erheblichen Problemen mit anderen Menschen – und nicht selten zu Übergriffen und Kriminalität. »35 Prozent der erstinhaftierten männlichen Straftäter sind Borderliner«, sagt Dulz. »Bei den Frauen sind es 20 Prozent.«

Im Sportraum der Klinik im Norden Hamburgs sitzen zwei Teddys auf dem Boden, einander zugewandt. Eine 34-jährige Frau, die hier Sandra Fischer heißen soll, hat sie so dahin gesetzt. Sie selbst hockt in der Ecke des Raums, halb hinter einer Säule. Die Aufgabe in der Körpertherapie heute: Die Patienten sollten ihr wichtigstes Problem darstellen und sich dazu positionieren. »Meine Themen sind Partnerschaft und Nähe«, sagt Fischer, als sie an der Reihe ist. »Und der große Wunsch nach einer eigenen Familie.« Die Teddys stehen für Mutter und Kind. Am Ende der Therapiestunde sollen die Patienten einen großen Schritt auf ihr Symbol zu machen. Fischer macht aber bloß ein winziges Schrittchen. »Muss ich wirklich?«, fragt sie.

Sandra Fischer ist zum dritten Mal auf der Borderlinestation. Vorher war sie in vielen anderen Kliniken, bei vielen anderen Therapeuten. Einen Freund hatte sie noch nie. Mit Mitte zwanzig hat sie angefangen, mit Fäusten und dem Kopf gegen Wände und Glasscheiben zu schlagen, sich mit Rasierklingen zu schneiden. Selbstverletzungen sind ein typisches Zeichen für eine Borderlinestörung. In den Patienten herrschen gleichzeitig große Leere und enorme Anspannung. Die Autoaggressionen wirken als Ventil, durch das der Druck entweichen kann. Vorübergehend. Dann baut er sich wieder auf.

Die Borderlinestörung ist eine Mischerkrankung – der Begriff entstand, weil bei den Betroffenen sowohl neurotische Symptome wie Angst diagnostiziert werden als auch psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen. Sie befinden sich also im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose. Viele Patienten selbst interpretieren den Begriff anders, sehen sich als »Grenzgänger«, immer auf der Kippe.

Die Borderlinestörung ist eine Krankheit der Beziehungen. Sie wird ausgelöst durch Beziehungen – verletzende, lieblose, nicht vorhandene. Und sie zeigt sich in Beziehungen – macht sie kompliziert oder instabil oder verhindert sie ganz. Die Störung lässt sich aber auch durch Beziehungen wenn nicht heilen, so doch lindern. Das ist das Konzept der Station O52A. »Man kann sich das vorstellen wie eine Waage«, sagt der Chefarzt Birger Dulz. »Bei den Patienten liegen viele schlechte Beziehungserfahrungen in der einen Schale. Von denen können wir sie nicht befreien. Wir versuchen aber, sie durch gute Beziehungserfahrungen aufzuwiegen.«

Dulz sieht seine Arbeit als sportliche Herausforderung. »Wenn man nicht bereit ist, mit den Patienten zu kämpfen und um sie zu kämpfen, ist man hier falsch«, sagt er. Gern spielt der Chefarzt den bad cop, der die Patienten mit Unangenehmem konfrontiert, während der jeweils zuständige Therapeut sie als good cop in Schutz nimmt. Das Rollenspiel soll die Beziehung zwischen Therapeut und Patient stabilisieren.

Doch nicht nur auf die Beziehungen zu den Therapeuten, auch auf die zu den anderen Patienten kommt es an. 22 Borderliner leben auf der Station, für Wochen und Monate, sie teilen sich die Zimmer, das Bad, die Waschmaschine. Diese Wohngemeinschaftstherapie sei das Anstrengendste an dem ganzen Aufenthalt, hat eine Patientin einmal zu Dulz gesagt. Es ist wie eine 22er WG mit mehr als normal nervigen Mitbewohnern.

»Ganz am Anfang bin ich hier nur rumgeschlichen«, erzählt Sandra Fischer. »Da haben drei Leute auf dem Flur Karten gespielt, und ich habe mich nicht mal getraut, hallo zu sagen.« Damit so zurückgezogene Patienten wie sie wenigstens zum Pflegeteam Kontakt halten, müssen sie sich regelmäßig im Dienstzimmer melden. »Das war der Horror«, erinnert sich Fischer. »Ich konnte nicht mal sagen, warum es mir scheiße ging.« Sie verließ die Klinik, kehrte zurück: »Da konnte ich mich ein bisschen mehr öffnen.« Jetzt, beim dritten Mal, sei sie schnell da angekommen, wo sie an sich arbeiten wolle, »bei den Themen Partnerschaft, Sexualität, Familie. Jetzt bin ich mittendrin in meinen Gefühlen.«

Ein paar Männer hat sie schon kennengelernt, im Internet, sie hat ihnen geschrieben, aber immer wenn ein Mailkontakt sie treffen wollte, zog sie sich zurück. »Ich hab einfach nichts gespürt.« Einmal kam es doch zum Treffen, es folgten schneller Sex und wenig Gefühl. Denn so sehr sich Sandra Fischer auch nach Nähe sehnt, so sehr fürchtet sie diese auch. Sex ist da leichter. Andererseits ist Sexualität ein großes Tabu für sie. Plaudern Bekannte über erotische Vorlieben, würde Sandra Fischer sich am liebsten unsichtbar machen. Dann aber wieder fühlt sie sich häufig nicht wahrgenommen, nicht verstanden, nicht geschätzt.

»Frau Fischer empfindet sich wie viele Borderliner vor allem als Opfer«, sagt Cornelia Bothe, Fischers Therapeutin. »Und sie dreht die Tatsachen immer so, dass sie auch als Opfer dasteht. Dass sie, wie alle anderen, auch mal böse sein kann, sieht sie nicht.« Bothe versucht, ihre Patienten aus dieser Schwarz-Weiß-Sicht auf sich und die Welt zu reißen. »Es ist für sie wichtig, zu sehen, dass sie mitunter auch Kotzbrocken sind und selbst Anteil daran haben, wenn andere von ihnen genervt sind.« Das zeigt Bothe den Kranken auch: dass sie manchmal wirklich sauer ist – aber trotzdem die Beziehung zu ihnen nicht abbricht. Sie und ihre Kollegen bieten sich den Patienten als Spiegel an und als Sparringspartner.

Der Schwarz-Weiß-Blick auf die Welt ist ein Relikt aus einer Zeit, als die meisten Borderlinepatienten tatsächlich Opfer waren – ihrer Kindheit und Jugend. 80 Prozent von ihnen haben das erlebt, was Psychologen Realtrauma nennen: Missbrauch, Aggression, Misshandlung. Noch schlimmere Spuren als körperliche Angriffe hinterlassen aber emotionale Vernachlässigung und Missachtung. Deren Folgen zu behandeln sei weit komplizierter, sagt Dulz: »Wenn etwas vorgefallen ist, kann man daran arbeiten. Wenn etwas gefehlt hat, ist das deutlich schwieriger zu therapieren.«

Missachtung und Vernachlässigung – das haben alle Patienten erlebt, auch Sandra Fischer. Als sie zur Welt kam, litt ihre Mutter an Ängsten und Panikattacken, für ihr Kind war sie nicht da. Der Vater, ein Lehrer, war streng und forderte Leistung. Sex war das große Tabu. Wenn Fischer sich als Jugendliche schick anzog, warf ihr der Vater vor, sie sei »aufreizend«, die Männer würden ihr »hinterhergeifern«. Außerdem »sexualisiere« sie ihre Geschwister. Selbst die Zahl Sechs durfte im Haushalt Fischer nicht ausgesprochen werden. Und immer wieder flog ein Hausschuh, gab es Fußtritte. Die Mutter sei ein »stilles Mäuschen« gewesen, erinnert sich Fischer, sie habe vor allem nicht auffallen wollen. Wenn die junge Frau auf einem Fest laut lachte, herrschte die Mutter sie an, sie solle sich nicht so aufführen.

Als Reaktion auf die beklemmenden Umstände ihrer Kindheit wurden die meisten Borderlinepatienten zu Überlebenskünstlern. Sie sind Meister der Anpassung, sie haben gelernt, sich unsichtbar zu machen. »Keine Schwäche zu zeigen hat es ihnen ermöglicht, die Situation in ihren Familien durchzustehen«, sagt Birger Dulz. Bei vielen ist diese Stillhaltetechnik so ausgeprägt, dass sie ihre Probleme selbst nicht mehr erkennen können. »Eigentlich hab ich ja gar nichts», sagen sie im Gespräch mit den Therapeuten und untereinander. Die anderen Patienten werden dann unwillig. »Klar, du machst hier ja nur Urlaub«, geben sie zurück, oder: »Sicher, und nächste Woche bringst du dich dann wieder um.«

Das Verhalten vieler Borderliner mag gleichgültig erscheinen, in ihren Köpfen aber herrscht Aufruhr. Zwischen den anderen im Aufenthaltsraum sitzt ein großer, breitschultriger Mann im Fußballtrikot. Erst vor ein paar Tagen ist er auf die Station O52A gekommen. Er hört zu, ab und zu sagt er etwas, leise und ein bisschen schüchtern – ganz gewöhnlich eigentlich. Wie wenig normal diese Normalität ist, versteht nur, wer weiß, was der Mann im Trikot kurz zuvor in der Männertherapiegruppe erzählt hat. Als er vier, fünf Jahre alt war, hatte der neue Freund seiner Mutter immer wieder zur Waffe gegriffen und auf ihn geschossen. Nicht um ihn zu töten – sondern damit er in Todesangst »tanzte«. Die Mutter war dabei und hatte gelacht.

Die anderen Patienten waren geschockt. Nicht nur von der Geschichte, sondern auch davon, dass der Mann sie gleich in der ersten Stunde erzählte. »Wenn du so früh die Schotten aufmachst, landest du ganz schnell auf der Geschlossenen«, warnten die Männer ihn. Der Neuankömmling hatte in früheren Therapien zu hören bekommen, er öffne sich nicht genug. Auf den Platz in der Asklepios Klinik hat er vier Monate lang warten müssen. Jetzt will er alles richtig machen.

Bis die Patienten ihre Probleme nicht nur sehen, sondern auch bewältigen können, braucht es viel Zeit. Sandra Fischer ist keine Ausnahme, viele Patienten kommen zwei, drei Mal auf die Station, für mehrere Monate. »Ambulant ist eine derart intensive beziehungszentrierte Therapie gar nicht zu leisten«, sagt Dulz. »Außerdem tauchen Borderliner immer gerade dann ab, wenn es ihnen schlecht geht.« Der Aufwand an Zeit, Geld und Nerven lohne sich aber, nicht nur für die Betroffenen selbst: »Was wir hier machen, ist eigentlich Prävention. Damit die Kinder der Patienten nicht auch noch dran glauben müssen.« Etwa 70 Prozent der Patienten verließen die Station »fast wiederhergestellt«, sagt der Psychiater.

Doch das Phänomen Borderline greift weiter um sich. Dulz hat den Eindruck, dass die Störung zunimmt, auch wenn das schwer zu bemessen sei, weil Borderliner früher oft eine andere Diagnose bekommen hätten oder gar keine. »Entscheidend ist die Atmosphäre in den Familien«, sagt der Psychiater. Und die sei heute häufiger angespannt. Die Familienstrukturen verändern sich, Paare trennen sich, die Zahl der Alleinerziehenden wächst. »So trifft die Kinder schneller der Frust der Erwachsenen«, sagt Dulz. »Früher sind sie vielleicht zum Spielen zur Oma gegangen, wenn Vater oder Mutter gestresst von der Arbeit kamen.« Das Risiko für Kinder, in verletzenden oder lieblosen Beziehungen aufzuwachsen, hängt auch davon ab, wie viel Druck und Frust in einer Gesellschaft entstehen und wie sie sich verteilen.

Sandra Fischer, die früher von Klinik zu Klinik irrte, sagt, sie habe auf Station O52A endlich das Gefühl, die Therapeuten wüssten, wie es in ihr aussehe. »Faszinierend«, sagt sie, und in ihrer Stimme schwingt Ungläubigkeit mit. »Hier geht mein Gegenüber trotz allem nicht weg.« Hier wird sie gesehen, das ist ihr wichtig. Aber hier hält man ihr auch den Spiegel vor.