Arbeiten

»Hast Du schon gegessen?«

DIE ZEIT, 16. Dezember 2010

Es sollte durchaus einen Dialog über die Grüne Gentechnik geben auf dem Symposium an der Huazhong Agricultural University in Wuhan, aber ganz so viel Dialog war doch nicht geplant: Während die Wissenschaftler diskutierten, wie sie ihre Forschung kommunizieren könnten, stürmten Gentechnikgegner das Forum. Eilig wurde eine Sondersitzung organisiert, auf der Bürger ihre Fragen stellen konnten. »Wenn ich Genreis esse, wachsen mir Flügel, oder?«, wollte ein Schulkind von den Forschern wissen. Und ein Mann fragte besorgt, ob der gentechnisch veränderte Reis den Spermien schade.

Anders als man im Westen vermuten mag, ist einer wachsenden Zahl von Chinesen keineswegs egal, ob sie Pflanzen mit verändertem Erbgut verspeisen – und sie sagen das überraschend deutlich. Seit die Regierung im vergangenen Herbst Biosicherheitslizenzen für zwei transgene Reissorten vergeben hat, die an der Huazhong-Universität entwickelt worden waren, ist in China eine Debatte über die Grüne Gentechnik entbrannt.

Neben der Sicherheit ist immer wieder auch die ablehnende Haltung vieler europäischer Länder ein Argument: Gentechnik könnte dem Image Chinas schaden, fürchten einige Kritiker. 50 Forscher, vor allem aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, veröffentlichten eine Petition gegen die Kommerzialisierung von gentechnisch veränderten Pflanzen. Und sogar das staatliche Magazin Liaowang stellte die Technologie infrage.

»Es gibt eine starke Opposition«, sagt der Wissenschaftsjournalist Jia Hepeng, der das Symposium in Wuhan organisiert hat. »Viele Ängste beruhen aber auf Gerüchten.« So wollten Bauern beobachtet haben, dass in der Nähe eines Genmais-Feldes Ratten weniger Junge bekommen hätten. Das weckt eine in China tief sitzende und weit verbreitete Furcht: Ist womöglich die Zeugungsfähigkeit in Gefahr? »Die Forscher müssen besser kommunizieren, was Grüne Gentechnik ist. Sie müssen die Bedenken der Leute ernst nehmen«, fordert Jia. »Und auch die Gegner müssen ihre Behauptungen wissenschaftlich belegen.« Der Chefredakteur der Science News, des Magazins der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS), sprach in einem Artikel das heikle Thema an: »Let’s talk about biotech.«

Die chinesische Regierung hat die Grüne Gentechnik mit Macht vorangetrieben. »Um das Ernährungsproblem zu lösen, müssen wir auf große Wissenschafts- und Technologieprojekte setzen, auf Biotechnologie und auf Gentechnik«, sagte Premierminister Wen Jiabao im Jahr 2008. China ist inzwischen nach den USA die zweitwichtigste Nation auf diesem Forschungsfeld und das Land mit der sechstgrößten Anbaufläche für transgene Pflanzen. Vor zwei Jahren startete die Regierung ein neues Forschungsprojekt für 3,5 Milliarden Dollar. Dabei geht es wieder einmal auch um zizhu chuangxin – »eigenständige Innovation«, nach dem Motto: Wenn Grüne Gentechnik in China, dann Grüne Gentechnik aus China.

Tatsächlich war China das erste Land überhaupt, das eine gentechnisch veränderte Pflanze kommerziell nutzte: 1992 begann es, Tabak anzubauen, der gegen das Tabakmosaik-Virus resistent war. Seit 1997 pflanzen chinesische Bauern Baumwolle, die mit eingeschleusten Genen Insektengifte produziert; inzwischen wächst sie auf 60 Prozent der Baumwollfelder. In Feldversuchen werden gegenwärtig transgene Varianten von Reis, Weizen, Mais, Sojabohnen, Kartoffeln, Raps, Erdnüssen, Kohl, Melonen und Chili getestet. Auf dem Markt sind bisher Tomaten, Paprika und Papayas sowie Sojaöl, das aus importierten Bohnen hergestellt wird.

In China muss Gentechnik im Essen in jedem Fall gekennzeichnet werden

Gentechnisch veränderte Lebensmittel müssen in China gekennzeichnet werden. »Das Land hat eine der strengsten Kennzeichnungspflichten überhaupt«, sagt Guillaume Gruère vom International Food Policy Research Institute in Washington. »Auch Fleisch, Milch und Eier von Tieren, die transgenes Futter gefressen haben, müssen kenntlich gemacht werden, genauso Produkte, die mit gentechnisch hergestellten Hilfsstoffen produziert werden. Und es gibt keine Toleranzschwelle.« In Deutschland darf in all diesen Fällen sogar das Siegel »Ohne Gentechnik« auf dem Produkt kleben. Und es wird eine Verunreinigung mit transgenen Pflanzen bis zu einem Anteil von 0,9 Prozent akzeptiert.

Sojaöl zum Beispiel sei in ganz China gekennzeichnet, sagt Gruère. Man muss allerdings sehr genau hinschauen: Meist sind es nur sechs winzige Zeichen im Kleingedruckten hinten auf dem Etikett. Wie die chinesischen Verbraucher auf das Öl aus Gensoja reagieren, haben Forscher von der Nanjing Agricultural University und dem US-Landwirtschaftsministerium in fünf Supermärkten in Nanjing getestet. Sie ließen sich die Verkaufszahlen für Sojaöl geben sowie für Öl aus Erdnüssen und Sonnenblumen, die nicht gentechnisch verändert waren. Neun Monate nach der Einführung der Kennzeichnungspflicht hatte sich der Verkaufsanteil der Pflanzenöle ohne Gentechnik verdoppelt, auf 13,5 Prozent. Ein deutliches Zeichen – angesichts der Tatsache, dass Sojaöl in China bei Weitem am beliebtesten ist, andere Öle deutlich teurer sind und es in Nanjing kein gentechnikfreies Sojaöl zu kaufen gab.

Befragt man die chinesischen Konsumenten direkt, sagen etwa zwei Drittel, dass sie Lebensmittel ohne Gentechnik vorziehen würden: Studien der Nanjing- und der Tsinghua-Universität sowie von Greenpeace China kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Allerdings zeigen die Umfragen auch, dass nur wenige Verbraucher etwas über Grüne Gentechnik wissen. Nur 40 bis 60 Prozent der Befragten hatten überhaupt davon gehört. »Die normalen Leute haben keine Ahnung von Gentechnik, deshalb wollen sie konventionelle Lebensmittel, die kennen sie«, sagt der Wissenschaftsjournalist Jia.

Lebensmittelskandale haben viele Verbraucher misstrauisch gemacht

Für die breite Ablehnung der neuen Technik spielen aber auch zwei Faktoren eine Rolle, die China seit Langem prägen: die Erfahrung mit Lebensmittelskandalen und der Stellenwert des Essens an sich. »Das Bewusstsein für Lebensmittelsicherheit ist sehr hoch«, sagt John Paull von der Australian National University, der das Aufkommen von Ökoprodukten in China erforscht. »Und weil die meisten Chinesen nur ein Kind haben, sind sie besonders besorgt um ihren Nachwuchs. Für ihn wollen sie nur das Allerbeste, vor allem beim Essen.« Der letzte große Skandal im Jahr 2008 traf ausgerechnet Kinder: Milchpulverhersteller hatten ihre Produkte mit Melamin gestreckt, sechs Säuglinge starben, fast 300.000 Kinder erkrankten an Nierensteinen. »Das hat das generelle Misstrauen noch einmal erhöht«, sagt Paull.

Was moderne Technik in Lebensmitteln für viele Chinesen bedeutet, versteht man aber erst, wenn man den traditionellen Wert des Essens in China kennt. Das gemeinsame Speisen ist Mittel- und Höhepunkt des Soziallebens, alles wird bei Tisch abgemacht, Privates und Geschäftliches, und wenn es gerade nichts zu knabbern und zu schlürfen gibt, ist das Hauptgesprächsthema oft das leibliche Wohl.

Ein Teil dieser Obsession mag aus den Anfangsjahren der Volksrepublik stammen, als Millionen verhungerten. Bis vor wenigen Jahren begrüßte man sich vor allem auf dem Land mit »Chi le ma?« – »Hast du schon gegessen?« Und seit Jahrtausenden gar betrachten die Chinesen das Essen als Medizin, bis heute: Da raten junge Geschäftsfrauen mit großem Ernst bei dieser Krankheit zu Entenfleisch, bei jenem Wehwehchen zu Maniok. »Essen ist ein zentraler Teil der chinesischen Kultur«, sagt Paull. »Deshalb wollen viele Chinesen keinen neumodischen Kram in Lebensmitteln.«

Angefacht wurde die aktuelle Debatte durch die Anwendung von Gentechnik bei Reis, dem nationalen Grundnahrungsmittel. Einerseits erhoffen sich Politiker und Forscher davon den größten Effekt für die Volksernährung, andererseits fürchten Gegner umso katastrophalere Folgen, falls etwas schiefgeht. »Weltweit ist Gentechnik bei einigen Pflanzen sinnvoll«, meint Zheng Fengtian, der Vizedekan des Instituts für Agrarwirtschaft an der Pekinger Renmin-Universität. »Bei Reis in China aber nicht, das betrifft einfach zu viele Leute.« Der Professor sagt, er versuche die chinesischen Verbraucher aufzuklären: »Ich gebe Interviews für Zeitungen und im Fernsehen. Aber natürlich kann es sein, dass die Regierung den Dialog stoppt.«

Der Wissenschaftsjournalist Jia dagegen meint, dass gerade beim Thema Gentechnik eine offenere Diskussion möglich sei: »Gentechnik betrifft kein sozialistisches Dogma. Das ist eine gute Chance, mehr Demokratie zu üben.« Der Genehmigungsprozess für die beiden Reissorten sei nicht transparent genug gewesen, das habe zur Proteststimmung beigetragen. »Viele, auch die Autoren dieser Petition, dachten, der Reis komme sofort auf den Markt. Das dauert aber sicher noch fünf Jahre.«

Offenbar haben Wissenschaftsinstitutionen und Regierung inzwischen verstanden, dass sie mehr mit den Bürgern reden müssen: In einen Bericht der Chinesischen Akademie der Wissenschaften zu den Perspektiven der Grünen Gentechnik wurde ein Abschnitt über Kommunikation eingefügt – zum ersten Mal in einem Report dieser Art. Und das Landwirtschaftsministerium hat erstmals in seinem Budget einen Posten für Kommunikationsforschung eingeplant, zwei Millionen Dollar.

Zurzeit treibt die Regierung die Kommerzialisierung von transgenen Pflanzen nicht weiter voran, obwohl sie viel Geld investiert hat und die Anwendung leichter durchsetzen könnte als andere Regierungen. »Es sind einfach zu viele Leute dagegen«, sagt Jia. »Das ist nicht mehr nur eine Graswurzelbewegung, es sind viele Topakademiker darunter.«

Wie Kommunikation über Grüne Gentechnik aussehen könnte, die den Chinesen die Technologie nicht nur schmackhaft macht, sondern sie wirklich informiert, hat Liu Bing ausprobiert, Professor am Institut für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft an der Tsinghua-Universität in Peking. »In anderen Ländern gibt es Konsensuskonferenzen, auf denen die Leute eine neue Technik kennenlernen und sich eine Meinung bilden können. So etwas haben wir hier an der Uni auch veranstaltet«, erzählt Liu und fügt schnell hinzu: »Nur experimentell natürlich, als Forschungsprojekt, nicht öffentlich.«

Öffentlichen Wirbel dagegen löste eine andere Aktion des Professors aus; er ist einer der Autoren der Petition gegen Grüne Gentechnik. »Ich finde, man sollte die Kommerzialisierung nicht überstürzen, es gibt noch keinen definitiven Beweis für die Sicherheit«, sagt der studierte Physiker. Wie seine Kollegen hat er den Aufruf an die Regierung in seinem Blog veröffentlicht, für eine formelle Publikation sei das Thema zu heikel. Das Internetunternehmen Sina erkannte die Brisanz und empfahl den Artikel in der Hoffnung auf steigende Klickraten und Umsätze, zuerst in seiner Blogsektion, dann auf der Hauptseite. Innerhalb von drei Tagen wurde er 40.000-mal aufgerufen. Dann wurde es dem Anbieter zu heiß: Er sperrte den Eintrag und schrieb Liu, sein Artikel enthalte »unangemessene Inhalte«.