Arbeiten

Fragile Spuren

DIE ZEIT, 13. August 2015

Jörn L. ist gerade dabei, in sein Leben zu starten. Er hat einen Job angenommen, sich verlobt, ein Haus gekauft. Da kommt die Anzeige, im Mai 2007. Er soll elf Jahre zuvor ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht haben, in einer Kinderfreizeit, die er als Betreuer begleitete. Das Mädchen, inzwischen eine junge Frau, sagt aus, er habe zwei Mal sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen, einmal im Bett, einmal während sie auf einem Waschbecken saß. Der Richter am Amtsgericht glaubt ihr und verurteilt Jörn L. zu drei Jahren Haft.

Doch L. beteuert, er sei unschuldig; seine Verteidiger gehen in Berufung. Der Richter am Landgericht beauftragt eine Psychologin, sie soll die Aussage prüfen. Auch sie kommt zu dem Schluss, dass die Frau nicht lügt. Der Angeklagte sucht sich eine neue Verteidigerin, Elke Thom-Eben aus Düsseldorf, eine Fachanwältin für Strafrecht, und die wendet sich an die Psychologin Beate Daber. Sie kennt sich mit Zeugenaussagen aus und wird in solchen Fällen oft als Expertin hinzugezogen. Lügt die Frau nun oder nicht? »Das war die falsche Frage, besser gesagt, nicht die einzige«, sagt Daber. »Schon der Richter am Amtsgericht, spätestens aber die Gutachterin hätte auch prüfen müssen, ob sie sich falsch erinnert.« Ist so etwas möglich? Sich falsch zu erinnern, an einen Missbrauch? »Ja«, sagt Daber, »unter bestimmten Umständen können Pseudoerinnerungen entstehen.« Die hält das vermeintliche Opfer dann tatsächlich für die Wahrheit, es lügt also nicht. Nach Dabers Stellungnahme gibt das Landgericht ein zweites Gutachten in Auftrag, der Prozess dauert an. Jörn L. verliert seine Arbeit, seine Frau. Und er muss weiter mit dem schrecklichen Vorwurf leben.

Aussagen von Zeugen, auch von Opfern, sind vor Gericht das am häufigsten genutzte Beweismittel, oft sogar das einzige und nicht selten ausschlaggebend für eine Verurteilung. Zugleich sind sie das unzuverlässigste Beweismittel. Von mehr als 300 Schuldsprüchen, die in den USA durch DNA-Analysen im Nachhinein als Fehlurteile entlarvt wurden, gehen 72 Prozent unter anderem auf falsche Identifizierungen durch Augenzeugen zurück, hat die Organisation Innocence Project festgestellt.

Für Deutschland gibt es solche Zahlen nicht. »Hier ist die Lage sicher nicht ganz so dramatisch«, vermutet der Rechtspsychologe Günter Köhnken von der Universität Kiel. »Aber ich habe den sehr starken Eindruck, dass sich weite Teile der Justiz und der Polizei des Problems nicht bewusst sind.« Viele Strafverfolger und Richter wüssten einfach zu wenig darüber, wie unser Gedächtnis funktioniert, sagt Köhnken: »Die denken, da legt man einfach einen Schlauch ins Gehirn und dann tropft der reine Gedächtnisinhalt raus.« Zugleich trauen sich viele Richter zu, die Glaubhaftigkeit einer Aussage selbst zu beurteilen, und fragen erst gar keine Sachverständigen.

Dabei häufen Hirnforscher und Psychologen mehr und mehr Belege dafür an, wie unzuverlässig unser Gedächtnis ist. Wir vergessen nicht nur. Wir vereinfachen, wir verdrehen, wir fabulieren, halten Gelesenes und Gehörtes für Erlebtes und erinnern uns sogar an niemals Geschehenes. Das tun wir alle, wir können gar nicht anders. Im Alltag führt das höchstens zum Streit mit dem Partner oder mit Freunden, die sich anders erinnern. Vor Gericht aber führt die geistige Unschärfe zu Fehlurteilen.

Wie unser Gedächtnis uns täuschen kann, zeigt der Fall von Donald Thomson. Er wurde der Vergewaltigung verdächtigt, das Opfer gab sogar eine Täterbeschreibung ab, die exakt auf ihn passte. Doch anders als Jörn L. hatte Thomson ein erstklassiges Alibi. Er war zur Tatzeit in einer Live-Sendung im Fernsehen. Es stellte sich heraus, dass die Frau das Interview gesehen hatte, kurz bevor sie vergewaltigt wurde. Thomson ist übrigens Gedächtnisforscher – und das Thema der Sendung war: Wie lässt sich das Gedächtnis für Gesichter verbessern?

Die Episode ist ein Beispiel für einen weitverbreiteten Erinnerungsirrtum: die Fehlzuordnung. Dabei erinnert sich derjenige zwar im Prinzip richtig an ein Ereignis, ein Detail oder ein Gesicht (das Vergewaltigungsopfer hatte Thomson ja sehr genau beschrieben), stellt es aber in einen anderen Zusammenhang. Ähnliches geschieht, wenn Zeugen glauben, etwas selbst beobachtet zu haben, obwohl sie es nur in der Zeitung gelesen oder im Fernsehen gesehen haben – oder ein Polizist den Vorgang in der Befragung erwähnt hat.

Solche falschen Erinnerungen entstehen besonders leicht, wenn jemand während des Abspeicherns unter Stress steht. Stresshormone, vor allem die Glukokortikoide, verändern die Reizweiterleitung im Gehirn und beeinflussen so, was wir wahrnehmen und was wir uns wie merken. Das trifft natürlich insbesondere auf Opfer von Verbrechen zu, aber auch auf Zeugen. Die Wahrscheinlichkeit für Pseudoerinnerungen erhöht sich noch einmal, wenn der Befragte beim Abrufen der Erinnerungen unter Stress steht – zum Beispiel im Polizeiverhör oder vor Gericht.

Tatsächlich ist der Moment des Erinnerns einer der heikelsten für die Intaktheit einer Erinnerung; sie wird nämlich genau in diesem Augenblick wieder formbar. Deshalb ist die Art und Weise, wie Zeugen befragt werden, entscheidend. »Das Gedächtnis ist wie ein Tatort«, sagt der Psychologe Brent Snook von der kanadischen Memorial University. »Man darf es nicht kontaminieren oder Beweisstücke verschieben.« Schon Kleinigkeiten können die Erinnerung beeinflussen. Das wies die Psychologin Elizabeth Loftus in einem inzwischen klassischen Experiment nach. Sie zeigte Probanden ein Video von einem Autounfall und stellte ihnen danach eine simple Frage: »Wie schnell waren die Autos, als sie zusammenstießen?« Die Versuchsteilnehmer schätzten die Geschwindigkeit im Durchschnitt auf 55 Kilometer pro Stunde. Als Loftus aber andere Testpersonen fragte: »Wie schnell waren die Autos, als sie zusammen krachten?«, schätzten diese die Geschwindigkeit um zehn Kilometer pro Stunde höher ein. Und mehr als doppelt so viele von ihnen erinnerten sich eine Woche später, zerbrochenes Glas gesehen zu haben – obwohl in dem Film überhaupt keines vorkam. »Faszinierend«, sagt Loftus, »ich hatte ja bloß ein einziges Wort verändert.«

Elizabeth Loftus erforscht seit Jahrzehnten die Tücken des Gedächtnisses, sie gilt als die Expertin für die Zuverlässigkeit von Augenzeugenberichten. In mehr als 250 Gerichtsverfahren in den USA sagte sie als Gutachterin aus. Immer wieder hat sie Richtern, Anwälten und Geschworenen vor Augen geführt, wie trügerisch Erinnerungen sein können. Weil das oft den Angeklagten zugutekam, wurde sie heftig angefeindet, erhielt gar Morddrohungen.

Am gruseligsten und zugleich faszinierendsten sind die Experimente, in denen Loftus versuchte, Probanden komplett falsche Erinnerungen unterzuschieben. Sie ließ sich von Eltern oder Geschwistern der Teilnehmer drei echte Kindheitserlebnisse erzählen. Dann erfand sie eine Begebenheit, die niemals geschehen war: Die Versuchsperson sei im Alter von fünf Jahren in einem Einkaufszentrum verloren gegangen, die Familie hätte sie in Tränen aufgelöst bei einer älteren Frau wiedergefunden.

Am Ende glaubten sechs der 24 Teilnehmer, dass dieses Ereignis tatsächlich stattgefunden habe. Mehr noch: Sie erzählten in allen Details von ihrem vermeintlichen Abenteuer. »Die redeten und redeten«, berichtet Loftus, »sie hörten gar nicht mehr auf.« Selbst nachdem die Gedächtnisexpertin den Probanden die Wahrheit gesagt hatte, konnte eine Frau einfach nicht glauben, dass sie das Ganze nie erlebt hatte. Sie rief ihre Eltern an. Die bestätigten unabhängig voneinander, dass sie nie verloren gegangen war.

Es ist schwer zu fassen, dass Menschen dazu bewegt werden können, sich an erschreckende Erlebnisse zu erinnern, die sie nie erlebt haben. Doch noch schwerer vorstellbar ist es, dass sie sogar dazu gebracht werden können, sich an schreckliche Taten zu erinnern, die sie nie begangen haben. Doch genau das sei der Fall, sagt der Rechtspsychologe Günter Köhnken. »Auch bei falschen Geständnissen können Pseudoerinnerungen eine Rolle spielen. Die vermeintlichen Täter glauben dann wirklich, dass sie es waren.« Und es sei anzunehmen, dass dies weit häufiger vorkomme, als es aufgedeckt werde: »Geständnisse werden noch viel seltener psychologisch begutachtet als Zeugenaussagen.«

Erst vor Kurzem hat die Psychologin Julia Shaw von der University of Bedfordshire das Phänomen in einem aufsehenerregenden Experiment untersucht. Sie versuchte, Studenten glauben zu machen, sie hätten eine Straftat begangen. Dazu besorgte sie sich ein paar wahre Details von den Eltern der Testpersonen: In welcher Stadt waren sie aufgewachsen? Wie hieß ihr bester Freund? Mit diesen Zutaten bastelte sie eine Geschichte. Den Versuchsteilnehmern sagte sie, es gehe darum, verschüttete Erinnerungen auszugraben. Und sie machte ihnen weis, ihre Eltern hätten angegeben, dass sie als Jugendliche jemanden bestohlen, angegriffen oder sogar mit einer Waffe attackiert hätten. Und dass sie deshalb mit der Polizei Kontakt gehabt hätten.

»Im ersten Gespräch erinnerte sich natürlich niemand an solch einen Vorfall«, erzählt Shaw. Deshalb sagte sie den Probanden, es gebe eine Technik, die bei den meisten Menschen funktioniere. Sie sollten die Augen schließen und sich vorstellen, wie es gewesen sein könnte. Ob ihnen nicht doch etwas einfalle? Das Ganze wiederholte sie zweimal im Abstand von je einer Woche. Am Ende hatten die Gehirne von 70 Prozent der Probanden eine falsche Erinnerung erzeugt. »Sie erzählten alle möglichen Details, Sinneseindrücke, auch wie die Polizisten ausgesehen hätten«, sagt Shaw. Eine junge Frau berichtete gar, wie sie ein anderes Mädchen mit einem Stein bewusstlos geschlagen habe und dann durch den Wald geflüchtet sei. Die Polizisten hätten geklingelt, als die Familie gerade beim Abendbrot gesessen habe. Sie spielte das Verbrechen, das nie geschehen war, sogar vor einer Videokamera nach.

»Das Gedächtnis ist verrückt«, sagt Shaw, »ich hätte nie gedacht, dass es so einfach ist, es zu manipulieren.« Die Testpersonen konnten offenbar nicht mehr unterscheiden, ob sie sich an die (falschen) Informationen der Experimentatorin, ihre eigenen Fantasien oder ein echtes Ereignis erinnerten. Zum Vergleich fragte die Psychologin die Probanden auch nach einem Ereignis, das diese tatsächlich erlebt hatten. Das Ergebnis: »Falsche und echte Erinnerungen enthielten beide komplexe Beschreibungen und Sinneseindrücke«, sagt Shaw, »sie waren nicht zu unterscheiden.«

Das ist eine handfeste Überraschung, und sie hat Folgen. Bisher nämlich gehen viele Psychologen davon aus, dass sich echte Erinnerungen genau daran erkennen ließen, dass sie besonders detailreich und sinnlich seien. Als weiterer Hinweis auf die Echtheit von Erinnerungen gilt deren Emotionalität: je gefühlsbeladener, so die Annahme, desto wahrer die Erinnerung. Doch auch das ist inzwischen widerlegt. Elizabeth Loftus fand in einer entsprechenden Studie kaum Unterschiede, auch noch so emotional besetzte Erinnerungen können falsch sein. Damit sind gleich mehrere vermeintliche Indizien für echte Erinnerungen entwertet.

Umso dringender werden objektive Kriterien gebraucht. Wenn sich schon in einer Aussage selbst kein Hinweis darauf finden lässt, ob eine Erinnerung echt oder falsch ist – verbirgt sich ein solcher vielleicht im Gehirn des Aussagenden? Längst versuchen Forscher Unterschiede in der Hirnaktivität aufzuspüren, mithilfe von Kernspintomografen oder EEG-Geräten. Und sie fanden auch differierende Muster – bloß sind die Unterschiede viel kleiner als die Gemeinsamkeiten. Als Indizien oder gar Beweise vor Gericht taugen sie nicht.

Eine hochinteressante Erkenntnis förderten die Hirnscans dennoch zu Tage. Die großen Ähnlichkeiten zwischen echten und falschen Erinnerungen beruhen offenbar nicht allein darauf, dass falsche Erinnerungen genauso viele Emotionen oder Details enthalten können wie echte – sondern vor allem darauf, dass echte genauso konstruiert sind wie falsche. Und das im Wortsinn. Auch wenn wir uns an ein tatsächliches Ereignis erinnern, rufen wir keine fixierte, komplette Repräsentation des Geschehens ab. Wir reaktivieren vielmehr Fragmente und setzen daraus ein Bild zusammen. Und jedes dieser Bruchstücke kann richtig sein oder verzerrt oder aus einem völlig anderen Zusammenhang stammen. »Erinnerungen sind datengestützte Erfindungen«, sagt der Hirnforscher Wolf Singer. Unser Gedächtnis ist keine Videothek, es ist ein Mosaik, das immer wieder neu zusammengesetzt wird.

Für Gutachter ist das ein Problem. Wie sollen sie echte von falschen Erinnerungen unterscheiden? Egal, wen man fragt – die US-Star-Gutachterin Loftus, den renommierten Rechtspsychologen Köhnken, die Aussageexpertin Daber – die Antwort ist immer dieselbe: »Das können wir nicht.« Jedenfalls nicht anhand der Aussage selbst. Es gibt nur zwei Wege, der Wahrheit näherzukommen. Zum einen mit Sachbeweisen, bei deren Interpretation es aber ebenfalls erhebliche Probleme geben kann, wie zuletzt die Affäre um fehlerhafte Haaranalysen des FBI zeigte (ZEIT Nr. 17/15). Und zum anderen mit dem genauen Blick darauf, wie eine Aussage entstanden ist. »Wenn explizit nach einer Erinnerung gegraben wurde, zum Beispiel in einer Psychotherapie, wenn schrittweise immer mehr Details auftauchen, wenn diese besonders bizarr sind – dann ist Vorsicht geboten«, sagt Beate Daber. Außerdem erhöhen manche psychischen Erkrankungen wie die Borderline-Störung das Risiko für Pseudoerinnerungen, weil sie die Unterscheidung von Realität und Fiktion stören. Auch regelmäßiger Cannabisgenuss kann für falsche Erinnerungen empfänglicher machen, wie Forscher von der Universität Barcelona jüngst in einer Studie nachgewiesen haben.

All dies sind Anhaltspunkte, mehr nicht. In weit über der Hälfte ihrer Gutachten könne sie am Ende nicht mit Sicherheit feststellen, ob eine Erinnerung falsch oder echt sei, sagt Beate Daber. Aber das ist allemal besser, als mit Überzeugung falsche Schlüsse zu ziehen. Das kommt vor, und nicht selten. »Viele Gutachten sind Schrott«, sagt Günter Köhnken. »Manche Sachverständige stolpern noch nicht einmal über den dicksten Balken.«

So wie im Fall von Jörn L. Das neue Gutachten bestellt das Gericht bei Luise Greuel, einer der angesehensten Aussagepsychologinnen Deutschlands. Sie befragt das mutmaßliche Opfer ausführlich. Die junge Frau hatte unter Essstörungen und Depressionen gelitten und deshalb eine tiefenpsychologische Therapie gemacht – erst dabei war die vermeintliche Erinnerung an den Missbrauch aufgetaucht und dann nach und nach detaillierter geworden. Auch im Gespräch mit der Psychologin kann sie das angebliche Geschehen nicht zusammenhängend wiedergeben, sondern rekonstruiert es Stück für Stück. Klassische Alarmzeichen. Greuel kommt zu dem Schluss: Die Umstände des Erinnerns sind charakteristisch für die Entwicklung einer Pseudoerinnerung. Fünf Jahre nach der Anzeige wird Jörn L. freigesprochen.