Arbeiten

Es hätte so schön sein können

DIE ZEIT, 11. August 2016

Die Trauer ist groß. Bilder von Grabsteinen und schwarzen Rosen verbreiten sich im Internet. Die Grabinschriften verraten es: Gestorben ist die 750-GeV-Diphoton-Resonanz. »Es ist ein schwerer Schlag für die Gemeinde der Teilchenphysiker«, schreibt Adam Falkowski von der Université Paris-Sud in seinem Blog. Was ist da los? Am vergangenen Freitag kam die offizielle Nachricht: Der Teilchenbeschleuniger LHC hat kein neues Teilchen aufgespürt.

Ein halbes Jahr lang hatten Teilchenphysiker in der ganzen Welt auf eine sensationelle Entdeckung gehofft. Im vergangenen Dezember hatte das Cern bekannt gegeben, dass in einer Messkurve eine Abweichung aufgetreten war, die auf ein unbekanntes Teilchen hinweisen könnte. Jetzt ist klar, dass es sich um einen Zufall gehandelt hatte. Kein neues Teilchen also und keine Sensation.

»Wir gehen gerade durch alle Phasen der Trauer, jeder in seinem eigenen Tempo«, schreibt Falkowski. Der theoretische Physiker bloggt unter dem Pseudonym »Jester« – also »Narr«. Ganz ernst gemeint ist seine Diagnose also nicht. Man muss auch nicht gleich vom Sterben sprechen. Aber es drängt sich doch der Eindruck auf, dass viele Teilchenphysiker gerade zumindest unter mittelschwerem Liebeskummer leiden. Auch der verläuft ja in Phasen, wie jeder weiß. Beschrieben hat die Etappen der Trauer unter anderen die Trauerforscherin Verena Kast.

Um das Herzeleid der Physiker besser zu verstehen, lohnt es sich, das Geschehen vor der Folie dieser klassischen Trauerphasen zu betrachten – nicht ganz ernsthaft, aber selbstverständlich möglichst analytisch:

Phase 1: Das darf nicht wahr sein!

Der Verlust wird verleugnet, der Trauernde steht unter Schock, er empfindet nichts und ist starr vor Entsetzen. Je unerwarteter der Verlust eintritt, desto länger dauert diese Phase.

»Und was ist, wenn das Signal doch noch da ist und die Experimentalphysiker einfach den Ball flach halten?« So hatte sich ein Kommentator in Falkowskis Blog noch Mut gemacht, als Gerüchte kursierten, dass es mit dem neuen Teilchen nichts werden würde. Als die Experimentalphysiker aber am vergangenen Freitag ihre Ergebnisse auf der Konferenz für Hochenergiephysik in Chicago präsentierten, verpuffte die letzte Hoffnung. Ihre Aussage war außergewöhnlich deutlich. »Sie werden von einem Wissenschaftler fast nie ein eindeutiges Nein hören«, sagte David Charlton, der Sprecher des Atlas-Experiments am LHC. »Aber in diesem Fall sage ich mal: Nein, da ist wirklich nichts.«

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