Arbeiten

Ein einmaliges Ergebnis

DIE ZEIT, 23. Mai 2013

Der »Florida-Effekt« gilt als Klassiker der psychologischen Literatur. Er geht auf ein schlagendes Experiment des US-amerikanischen Sozialpsychologen John Bargh aus dem Jahr 1996 zurück. Dieser ließ seine Versuchspersonen zunächst Sätze aus lauter Wörtern bilden, die mit dem Alter assoziiert werden – »grau«, »Falte«, »vergesslich«, »Glatze«, »Florida«. Danach mussten die Probanden durch einen Korridor in einen anderen Raum gehen (wobei Bargh heimlich ihr Gehtempo maß). Ergebnis: Sie liefen in der Regel deutlich langsamer als andere Studienteilnehmer, die mit »neutralen« Wörtern jongliert hatten.

Seither wird Barghs Studie als Paradebeispiel für den Effekt des »Priming« zitiert: Durch subtile Beeinflussungen (wie etwa stimmungserzeugende Wörter) kann man implizite Gedächtnisinhalte aktivieren, die das Verhalten beeinflussen.

Die Frage ist nur: Stimmt Barghs Ergebnis überhaupt? Seit einiger Zeit plagen die Psychologen Zweifel. Gesät hat sie Stéphane Doyen von der Freien Universität Brüssel, der Barghs Studie wiederholte – und keinen »Florida-Effekt« fand. Als Doyen dieses Nichtergebnis vergangenes Jahr in einer Fachzeitschrift beschrieb, reagierte Bargh mit einem wütenden Blogbeitrag, und viele Sozialpsychologen horchten auf.

Seitdem quält die Branche die tiefgründige Frage: Wie solide sind die Forschungsergebnisse in ihrem Fach überhaupt? Was sind Studien wert, wenn sie nicht wiederholbar sind? Replikationsversuche sind schließlich die wissenschaftliche Feuerprobe. Wenn sie nicht gelingen, ist das zwar noch keine Widerlegung. Aber ein Fragezeichen.

Nun hat die schwelende Debatte neuen Zunder bekommen: Im Fachmagazin Plos One beschreibt der Londoner Psychologe David Shanks, wie er – vergeblich – einen anderen Priming-Effekt zu wiederholen versuchte. Im Originalexperiment hatte Ap Dijksterhuis an der Universität Nijmegen 1998 einen Teil seiner Probanden gebeten, sich einen typischen Professor vorzustellen, und ihnen danach Wissensfragen gestellt (Wer malte Guernica? Wie heißt die Hauptstadt von Bangladesch?) Dabei schnitten jene, die zuvor an einen Professor gedacht hatten, besser ab. Nun, 15 Jahre später, zeigte sich in Shanks’ Wiederholungsstudie nichts dergleichen.

Das ist Wasser auf die Mühlen des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman. Der Psychologe hatte schon im vergangenen Herbst in einem offenen Brief an seine Kollegen gewarnt: Die Priming-Forschung sei zum »Paradebeispiel für Zweifel an der Integrität psychologischer Forschung geworden«, er sehe »eine Katastrophe heraufziehen«. Als Gegenmittel schlug er den Forschern eine Art Replikations-Karussell vor: Mehrere Top-Institute sollten je eine Studie auswählen, die dann eines der anderen zu replizieren versuchen solle. Gelinge dies, sei das Forschungsfeld rehabilitiert.

Die Debatte um das Ergebnis von David Shanks zeigt, wie rau der Ton mittlerweile geworden ist. »Shanks hat grundlegende Fehler gemacht«, erregt sich Ap Dijksterhuis, der Autor der ursprünglichen Professoren-Studie. »Dijksterhuis ist nicht sehr entgegenkommend«, hält Shanks dagegen, »er gibt die Protokolle zum Originalversuch nicht heraus.« Dijksterhuis betont, dass sein Ergebnis vor Shanks von mehreren Forschern bestätigt worden sei; Shanks sagt, genau darüber gebe es Uneinigkeit. Das Fachmagazin Nature wiederum veröffentlichte jüngst einen Artikel, der eher Shanks’ Sichtweise widerspiegelte, rudert jetzt aber auf Intervention von Dijksterhuis hin zurück.

Dabei geht es um mehr als den Zoff zwischen zwei konkurrierenden Forschern. Dahinter stecken gleich mehrere grundsätzliche Probleme, die nicht nur die Sozialpsychologie betreffen:

Erstens bringen spektakuläre und positive Ergebnisse mehr Aufmerksamkeit von Fachzeitungen, Medien, Berufungskommissionen, Geldgebern. Darum wächst der Anreiz, einfache, schnelle und kleine Studien zu produzieren. Der Sozialpsychologe Fritz Strack von der Universität Würzburg fordert deshalb im European Bulletin of Social Psychology »Less Wow and more How«: weniger Sensation, mehr Inhalt.

Zweitens erregen Replikationsstudien normalerweise wenig Aufmerksamkeit – wenn sie überhaupt veröffentlicht werden. Auch Shanks und Doyen hatten Probleme, ihre Ergebnisse bei einer Fachzeitschrift unterzubringen. »Schubladen-Problem« nennen das die Forscher: Negative Ergebnisse verschwinden häufig im Aktenschrank. Ist eine vermeintliche Erkenntnis erst einmal in der Welt, ist sie schwer wieder auszulöschen – in der akademischen Diskussion ebenso wie im alltäglichen Party-Talk.

Drittens werden die meisten Studien mit viel zu wenigen Probanden durchgeführt, oft sind es nur 20 Personen. »Es sollten mindestens 50 pro Versuchsbedingung sein«, sagen sowohl Shanks als auch Dijksterhuis. Experimente mit Hunderten oder Tausenden Teilnehmern seien aber utopisch, meint Dijksterhuis: »Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenige potenzielle Probanden.«

All dies führt auch dazu, dass Betrüger leichtes Spiel haben. Der Skandal um den Sozialpsychologen Diederick Stapel von der Tilburg University, der mindestens 30 Publikationen manipulierte, hat das Forschungsfeld zusätzlich in Verruf gebracht. »Ich habe Daten verändert und Forschung gefälscht. Nicht nur einmal, sondern viele Male, und nicht nur kurz, sondern über eine lange Zeitspanne«, gab Stapels 2011 zu. Entdeckt wurde er durch Hinweise von Kollegen.

Inzwischen gehen einige Forscher diese Probleme an. Hal Pashler von der University of California in San Diego hat die Website PsychFileDrawer gegründet, auf der Psychologen unveröffentlichte Replikationsversuche hochladen können. Und Brian Nosek von der University of Virginia hat eine groß angelegtes Replikationsprojekt gestartet: Studien aus drei Psychologie-Fachzeitschriften sollen systematisch wiederholt werden. 120 Forscher machen mit, 210.000 Dollar Forschungsgeld hat Nosek eingeworben. Dass nicht die Sozialpsychologie allein mit Replikationsproblemen zu kämpfen hat, zeigt die Reproducibility Initiative, die Plos One im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat – für alle Wissenschaften.

Eine Schwierigkeit ist jedoch der Sozialpsychologie eigen. »Wir erforschen soziale Variablen. Sie können von Nebenbedingungen abhängen, die kulturell bestimmt sind. Und sie verändern sich mit der Zeit«, sagt Fritz Strack. So könne etwa das sich wandelnde Bild des Alters ein Grund sein, warum der »Florida-Effekt« 16 Jahre nach dem ersten Experiment nicht mehr gefunden wird. Und nicht alle würden mit einem Professor Bildung assoziieren – für manche ist er eher das Synonym für Weltfremdheit. »Bei der Replikation eines Versuchs geht es deshalb nicht darum, dass der Stimulus gleich aussieht, sondern darum, dass er Gleiches bewirkt«, betont der Sozialpsychologe.

Das wiederum hängt auch vom Experimentator ab. »Manche Forscher haben ein besonderes Geschick dafür, ihre Experimente so anzulegen, dass solche Nebenbedingungen wirksam werden«, sagt Strack. Damit wird der Forscher selbst zu einer Variablen, die das Ergebnis verändern kann. Womöglich herrsche genau deswegen zurzeit so viel Aufregung in dem Feld, meint Brian Nosek. »Die Psychologie wendet gerade ihre eigenen Erkenntnisse an, um sich selbst zu verstehen.«