Arbeiten

Die Knollen des Wandels

DIE ZEIT, 27. Mai 2010

Keiner konnte ahnen, was in den schmutzigen Klumpen steckte. Die Matrosen nicht, der Kapitän nicht und auch der König nicht. Harmlos sah die Fracht aus, die das Schiff der spanischen Flotte um 1560 auf den Kanarischen Inseln anlandete: verschrumpelte, braune, pflaumengroße Knollen, die auf der Reise von der südamerikanischen Pazifikküste weiß-grünliche Keime hervorgetrieben hatten. Und doch sollten sie die Geschichte Europas, ja der Welt verändern – Kartoffeln.

Sie ließen die Bevölkerung Europas explodieren, lieferten den Treibstoff für die industrielle Revolution, bestimmten das Schicksal zweier verfeindeter Völker und die Zukunft des heute mächtigsten Staates der Welt. Und sie ermöglichten »einer Handvoll europäischer Nationen, zwischen 1750 und 1950 den Großteil der Welt zu beherrschen«, wie der amerikanische Historiker William McNeill in der Fachzeitschrift Social Research schreibt. Sie waren, so fährt er fort, »ein wesentlicher (…) Faktor für den überraschenden Aufstieg des Westens«.

Es gab Hinweise. Schon einmal hatte die Kartoffel – dort, wo sie herkommt – eine Zivilisation entstehen und mächtiger als alle Nachbarn werden lassen: die der Inka. In den Anden gedieh Getreide nicht besonders, Kartoffeln aber konnten dort trotz niedriger Temperaturen reifen. Und die Eiseskälte der Nächte lieferte, zusammen mit der Sonnenkraft der Tage, eine praktische Konservierungsmethode – die Gefriertrocknung. Das war die Grundlage für den Aufstieg der Inka.

Denn die Kartoffeln sättigten nicht nur die Bauern. Die Herrscher konnten die haltbaren Knollen als Steuern eintreiben, sie in unterirdischen Kühlhäusern lagern und damit jene Arbeiter bezahlen, die ihnen Straßen bauten und steinerne Monumente. Nicht zuletzt ließen sich damit auch Soldaten verpflegen, die Krieg führten. Als die Konquistadoren um 1535 das Inkareich eroberten und die Kartoffel entdeckten, hatte sie schon jahrhundertelang eine Hochkultur genährt.

Noch bevor die ersten Exemplare in Europa ankamen, beeinflussten die Erdäpfel die Weltpolitik. Denn chuño, die gefriergetrocknete Knolle, ernährte auch jene Tausende Zwangsarbeiter, die für die Spanier in Übersee Silbererz aus den Bergen schlugen. Der spanische König finanzierte damit die Aufrüstung von Flotte und Armee und sicherte so seine Vorherrschaft in Europa. Das von kartoffelgespeisten Arbeitern abgebaute Edelmetall – und damit indirekt auch die Pflanze – brachte gar die Weltwirtschaft aus dem Takt, indem das Silber zur ersten globalen Inflation beitrug.

Dies war das Vorspiel; ihre wahre Kraft entfaltete die Knolle, als sie in der Alten Welt ankam. Von den Kanarischen Inseln reiste sie auf das spanische Festland, von dort nach Italien und schließlich in den Norden Europas. Nach Irland und England soll sie ohne den Umweg über den Kontinent gelangt sein; wie genau, weiß niemand. Sicher ist nur, dass die Kartoffel um 1600 auf den Britischen Inseln landete – und dass sie eineinhalb Jahrhunderte später die Feindschaft zwischen Engländern und Iren befeuern sollte.

Skeptisch, ja feindselig begegneten die Menschen dem fremden Gewächs fast überall. Es dauerte fast zwei Jahrhunderte, bis es sich als Lebensmittel durchsetzen konnte. Lange wurden die weißblühenden Pflanzen nur in botanischen Gärten angepflanzt, die Knollen höchstens an Tiere verfüttert. Da Kartoffeln nicht in der Bibel vorkommen, meinten manche Kirchenmänner, Gott habe nicht gewollt, dass Menschen sie verspeisen. Den ersten Testessern wurde außerdem furchtbar übel, sie hatten die oberirdischen Früchte statt der Knollen probiert. Einige Pflanzenkundler behaupteten gar, Kartoffeln würden Lepra verursachen, weil die Knollen sie an die verstümmelten Hände von Leprakranken erinnerten. Doch selbst als Botaniker die Pflanze wissenschaftlich korrekt einsortierten, verbesserte das nicht ihren Ruf: Sie gehört zu den giftigen Nachtschattengewächsen und galt deshalb als Teufelszeug.

Bald versuchten weitere Forscher, die Kartoffel zu rehabilitieren. Die Royal Society, Großbritanniens wissenschaftliche Gesellschaft, wies nach ihrer Gründung 1660 mit als Erstes darauf hin, wie wertvoll die Knolle im Kampf gegen den Hunger sei. Und der französische Pharmazeut Antoine Augustin Parmentier startete – neben ausführlichen Studien – eine regelrechte Imagekampagne: Er schenkte dem Königspaar Kartoffelblüten, mit denen sich die Herrscher dekorierten, und veranstaltete Kartoffeldiners.

Den Durchbruch der Knolle brachten aber weder Wissenschaft noch Marketing, sondern Krieg und Hunger. Wer nichts anderes hatte, überwand seine Vorurteile und aß die Erdfrüchte. In schlechtem Boden gedeihen sie besser als Getreide, man kann sie notfalls ohne Werkzeug anbauen, und sie müssen nicht gedroschen, gemahlen und gebacken werden. Ein Topf, Wasser und Feuer reichen für die Zubereitung.

Als Anfang des 18. Jahrhunderts mehrere Weizenernten ausblieben, wurde der Anbau von Kartoffeln offizielle Politik. Friedrich der Große ließ in Preußen ein Handbuch und kostenlose Saatkartoffeln verteilen. Auch andere europäische Regierungen förderten die Knolle – manchmal mit drastischen Methoden. Österreichs Bauern drohten 40 Peitschenhiebe, wenn sie sich weigerten, Erdäpfel zu pflanzen.

Kriege trugen dazu bei, dass sich die Kartoffel ausbreitete. Zum einen lernten Soldaten, zum Beispiel während des Siebenjährigen Kriegs in Preußen, die Erdfrucht kennen und empfahlen sie nach ihrer Heimkehr ihren Landsleuten. Zum anderen wurde im Krieg ein weiterer Vorteil der Knolle offenbar: Unter der Erde war sie vor Requirierungen einigermaßen sicher. Die Soldaten hatten wenig Zeit und Lust, ihr Essen auszugraben, und beschlagnahmten lieber gelagertes Getreide. So blieben der Bevölkerung wenigstens die Erdäpfel. Und selbst wenn Truppen auf dem Kartoffelacker kampierten, war die Ernte nicht gleich zerstört.

Um 1750 war die Kartoffel auf dem Kontinent so weit verbreitet, dass sie den Aufstieg Europas beschleunigte. Sie lieferte auf der gleichen Fläche zwei- bis viermal so viele Kalorien wie Getreide. Das Nahrungsangebot wuchs enorm und mit ihm die Bevölkerung. Das beschrieb der Nationalökonom Adam Smith schon in seinem Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen.

Wie viel genau die Kalorien aus der Knolle zur Bevölkerungsexplosion beitrugen, haben die Wirtschaftswissenschaftler Nancy Qian und Nathan Nunn von den Universitäten Yale und Harvard berechnet. Dazu betrachteten sie das Bevölkerungswachstum in 132 Ländern vor und nach dem Jahr 1700. Außerdem untersuchten sie, wie geeignet die jeweiligen Regionen für den Kartoffelanbau waren. »So konnten wir ausschließen, dass es genau andersherum war. Es hätte ja auch sein können, dass mehr Kartoffeln gepflanzt wurden, weil sich die Bevölkerung vermehrte«, erklärt die Forscherin. Tatsächlich ergab die statistische Analyse, dass Bevölkerung und Städte dort stärker wuchsen, wo die Erdäpfel besonders gut gediehen. An der Beschleunigung des Bevölkerungswachstums hatte die Kartoffel nach Qians Rechnung einen Anteil von 22 Prozent. Die Zunahme der Urbanisierung zwischen 1700 und 1900 ging gar zur Hälfte auf das Konto der Knolle. »Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel ausgemacht hat. Aber ich esse ja auch keine Kartoffeln, sondern vor allem Reis«, sagt die gebürtige Chinesin Qian.

Indem die Kartoffel die Entstehung von Metropolen ermöglichte und half, die Menschenmassen zu ernähren, wurde sie zu einem ebenso wichtigen Kraftstoff für die Industrialisierung wie die Kohle. »Ohne sie hätte Deutschland nach 1848 sicher nicht die führende Industrie- und Militärmacht Europas werden können«, meint der Historiker McNeill. Das Bevölkerungswachstum bedeutete auch Nachschub für die europäischen Armeen und Kolonialtruppen. Deren Eroberungen in Übersee zogen Millionen Auswanderer aus dem dicht bevölkerten Europa an. »Kurz gesagt: Das europäische Ringen um Kolonien (…) war grundlegend geprägt von der Ausdehnung des Nahrungsangebots durch die Kartoffel.«

Doch die Knolle barg auch Gefahren: für diejenigen, die auf sie angewiesen waren. Dies hatte der Ökonom Thomas Robert Malthus schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts befürchtet. Auf den Vorschlag, auch England solle den Anbau forcieren, erwiderte er: »Ist es denn nicht möglich, dass die Kartoffelernte eines Tages einfach ausbleibt?« Die Engländer aßen weiter Brot, was jedoch nur möglich war, weil die Iren Kartoffeln aßen, wie Tom Standage in seinem Buch Der Mensch ist, was er isst schreibt. Ein Großteil des Getreides wurde von der Grünen Insel importiert, wo irische Tagelöhner es für englische Großgrundbesitzer anbauten.

In Irland war die Kartoffel schon um 1625 zum Grundnahrungsmittel geworden. Als die Engländer dann die Insel eroberten und die Iren in die unfruchtbarste Provinz vertrieben, überlebten diese nur dank der robusten Knolle, die selbst dort wuchs. Und sie überlebten nicht nur, die Bevölkerung wuchs sogar, von 500.000 im Jahr 1660 auf neun Millionen im Jahr 1840. Die Hälfte der Iren war fast vollständig auf die Erdäpfel angewiesen; drei Viertel ihres Kalorienbedarfs deckten sie damit.

Dann geschah genau das, wovor Malthus gewarnt hatte: Die Kartoffelernte blieb aus. Eine unsichtbare Plage, die im Jahr 1845 die Insel heimsuchte, ließ die Pflanzen verwelken, die Blätter absterben, die Knollen verfaulen. Henry Hobhouse gibt in seinem Buch Sechs Pflanzen verändern die Welt den Bericht eines Augenzeugen wieder: Der Mann reiste nach Cork, um seine Verwandten zu besuchen. Auf dem Hinweg sah alles noch gut aus, aber auf dem Rückweg, eine Woche später, waren alle Felder der Gemeinde schwarz und stanken nach Fäulnis. Und so ging es in ganz Irland, in ganz Europa.

Ursache war ein Pilz, Phytophthora infestans, der aus den Vereinigten Staaten über den Atlantik gelangt war. Eine Million Iren verhungerten oder starben an Cholera und Typhus; weitere eineinhalb Millionen wanderten aus, die meisten nach Amerika. Ihnen folgten noch einmal etwa vier Millionen bis zum Ersten Weltkrieg. Unter den ersten Auswanderern waren auch die Fitzgeralds aus Kerry und die Kennedys aus der Grafschaft Wexford. Rund 120 Jahre später sollte einer ihrer Urenkel in der neuen Heimat Geschichte schreiben – John Fitzgerald Kennedy.

Zunächst aber trug das irische Kartoffeldesaster seinen Teil dazu bei, die britische Wirtschaftspolitik umzukrempeln. Jahrhundertelang hatten die Briten Getreideimporte mit hohen Einfuhrzöllen belegt. Diese Handelsschranken, niedergelegt in den corn laws, sollten die heimischen Grundbesitzer schützen. Im Zuge der Industrialisierung aber schlossen sich Unternehmer in der Anti-Corn Law League zusammen, um gegen die Importzölle vorzugehen. Ihre Kalkulation: Zollfreier Handel führe zu niedrigeren Lebensmittelpreisen, die wiederum die Lohnforderungen dämpfen könnten. Es war ein Streit zwischen den Vertretern eines alten Agrarstaats und denen einer jungen Industrienation. Obwohl zu den Argumenten der League weder die Kartoffel noch das Elend in Irland gehörten, glauben Historiker, dass just die Hungersnot von 1845 den entscheidenden Impuls zur Abschaffung der Zölle gab.

Denn angesichts von Millionen hungernden Iren wirkte es unmenschlich, die Handelsschranken aufrechtzuerhalten und so Lebensmittelimporte zu erschweren. Daher senkte der britische Premierminister 1846 die Zölle und schaffte sie drei Jahre später ganz ab. Zähneknirschend hatte ihn der Herzog von Wellington als Vorsitzender des Oberhauses unterstützt, selbst lange ein Verfechter der corn laws. Nach der Entscheidung soll Wellington geknurrt haben: »Schuld an allem sind diese verfaulten Kartoffeln.« 



Das Königreich wuchs zur größten Handelsmacht überhaupt. Den Iren half der freie Handel allerdings wenig, besaßen die meisten doch kaum Bargeld und lebten als Selbstversorger. Und auch die Briten profitierten langfristig nicht davon. Weil die anderen Staaten ihre Zölle behielten, habe der einseitige Freihandel der britischen Industrie sogar geschadet, argumentiert Hobhouse. Mehr noch: »Günstige Lebensmittel trieben die Briten dazu, eine unterbezahlte Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten.« Ja, die niedrigen Lebensmittelpreise hätten Großbritannien regelrecht zum Billiglohnland gemacht, dessen Wirtschaftsbosse nach 1850 »keinen Anreiz« für Innovation und Kreativität gehabt hätten.

Auf jeden Fall machte der Freihandel Großbritannien extrem abhängig von Lebensmittelimporten, was das Land in beiden Weltkriegen an den Rand einer Niederlage brachte. »Womöglich wäre die Rivalität mit Deutschland gar nicht erst entstanden, wenn die Vorherrschaft der britischen Handelsflotte und Marine nicht zur absoluten Notwendigkeit geworden wäre«, schreibt Henry Hobhouse – nur als Herrscherin der Meere konnte Britannia die eigene Versorgung sicherstellen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks wurden die irischen Immigranten zu einer politischen Macht. In den US-Bundesstaaten, in denen sie sich niederließen, stellten sie immerhin fünf Prozent der Bevölkerung, in Städten wie New York und Boston an die 30 Prozent. Dort wurden aus unterdrückten Landarbeitern Bürger mit einer Stimme, nicht nur mit einer politischen. Die irische Art, wortreich und hartnäckig zu verhandeln, prägte das Wirtschaftsleben – und die irische Mundart den amerikanischen Dialekt.

Die Einwanderer trugen auch dazu bei, dass sich die USA von Europa emanzipierten. »Die katholischen Iren waren die erste politisch organisierte, ethnisch einheitliche Gruppe, die durch einen Hass auf England motiviert wurde«, schreibt Hobhouse. Und weil sie den britischen Imperialismus verachteten, stärkten sie die antiimperialistische Strömung in den USA und damit den Isolationismus, die Politik der Nichteinmischung. Diese Grundhaltung führte wiederum dazu, dass sich die Vereinigten Staaten in beiden Weltkriegen erst relativ spät den Allianzen gegen Deutschland – und damit auch den Briten – anschlossen.

Was für eine Karriere für eine verschrumpelte Knolle: vom Zufallsimport zur Volkskost, zum Treibstoff des Kolonialismus und zur Energiequelle der Industrialisierung, zur Nahrung des Aufschwungs, zum Keim des Exodus. Natürlich hat die Kartoffel keines dieser Phänomene allein verursacht, aber immer spielte sie eine Rolle, mal war sie die Protagonistin, mal nahrhafte Nebendarstellerin.

Gerade ist sie in eine neue Rolle geschlüpft, wieder geht es um eine der ganz großen Fragen. Zwar nahm im satten Westen angesichts der Konkurrenz von Pasta, Reis, Couscous und Co. der Appetit auf Erdäpfel ab, dafür ist aber Asien auf den Geschmack gekommen. Jede dritte Kartoffel wird inzwischen in China oder Indien geerntet; viele landen jedoch nicht im Topf, sondern im Tank – als Biosprit. Eine kuriose Wende: Während zu Zeiten der industriellen Revolution fossiler Brennstoff aus den Tiefen der Erde den Ackerboden bereitete für Kartoffeln und Getreide, weil weniger Brennholz angebaut werden musste, sollen heute Feldfrüchte fossilen Kraftstoff ersetzen. Eine neue Konkurrenz um den Acker ist entbrannt zwischen hungrigen Menschen und energiefressenden Maschinen. Die Kartoffel steckt mittendrin.

Fast 500 Jahre lang hat die Knolle nun die Geschicke des Westens beeinflusst, den Aufstieg einer Gruppe von Staaten und den Fall einzelner Nationen. Was wohl wird die Welt, was werden der Osten und der Süden im Jahr 2500 über den Erdapfel zu sagen haben?