Arbeiten

Ab in den Beutel

DIE ZEIT, 10. Juni 2010

In den Favelas, den Armenvierteln von Rio de Janeiro, hat Alexander Jachnow Bekanntschaft gemacht mit aviãozinhos, Kleinflugzeugen. So nennen die Bewohner jene Plastiktüten, die sie mangels Besserem als Toilette benutzen – und nach der Befüllung möglichst weit wegschleudern. »In den steileren Favelas kann man so ein Ding schon mal an den Kopf bekommen«, sagt der Entwicklungsexperte.

Diese Notlösung für die Notdurft ist in fast allen Slums der Welt bekannt, mal als »fliegende Toilette«, mal als »Hubschrauberklo«. Zweieinhalb Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu Toiletten, 70 Prozent davon leben in Städten. Vielen von ihnen bleibt nichts anderes übrig, als Plastikbeutel zu benutzen oder sich schlicht auf irgendeiner freien Fläche zu erleichtern. In Südasien ist das Problem am größten, fast die Hälfte der Menschen praktiziert dort das, was im Fachjargon open defecation heißt.

Jachnow arbeitet heute in Bangladesch, und wieder hat er mit Tüten zu tun. Für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) hat er »Peepoo« getestet, eine Hightechvariante des Hubschrauberklos. Sie besteht aus einem biologisch abbaubaren Beutel, der innen mit Harnstoff beschichtet ist, so Krankheitskeime abtötet und nach Gebrauch als Dünger verwendet werden kann. Entwickelt hat die Toilettentüte (benannt nach den englischen Kinderworten für Urin und Kot) der schwedische Architekt Anders Wilhelmson. Im Sommer sollen zunächst kleinere Mengen gefertigt werden, im nächsten Jahr will seine Firma Peepoople die Massenproduktion beginnen.

»Wir waren zuerst sehr skeptisch, ob das hier funktioniert«, sagt Jachnow. »In muslimisch geprägten Ländern wie Bangladesch ist es ein Tabu, mit Fäkalien umzugehen.« Zudem existiere dort eine Wasch- statt einer Wisch-Kultur – nicht eben optimal für die Tütentechnik. Trotzdem war ein erster Test mit hundert Slumbewohnern in Maimansingh erfolgreich. »Erstaunlich« findet Jachnow das: »Die Leute haben dem Sammeldienst ihre vollen Beutel ganz ungeniert übergeben.« Gewaschen hätten sie sich in ihren Hinterhöfen, wo es Wasserabflüsse gebe.

Besonders Frauen profitierten von der simplen Technik, sie konnten sich daheim erleichtern und mussten nicht zu den Gemeinschaftsklos laufen. Die sind schmutzig und häufig Schauplatz von Belästigungen, vor allem nachts – ein Grund, die Notdurft sehr lange zurückzuhalten oder sehr wenig zu trinken. Infektionen, Nierensteine und Verstopfung sind die Folgen. Auch schicken viele Eltern ihre Töchter nicht zur Schule, weil es keine separate Mädchentoilette gibt. Peepoo könnte dieses Problem lösen.

»Digital« nannten die Bewohner das Tütenklo – in Anlehnung an die Regierungsvision des »digitalen Bangladesch«. »Digital« gilt schlicht als Ausdruck für »modern«. Es gebe aber tatsächlich Parallelen zur Entwicklung einer Informationsgesellschaft, meint Jachnow. »Es ist ein bisschen wie mit dem Handy: Fast jeder hat sein eigenes, sogar viele Arme, es ist mobil und braucht kaum Infrastruktur.«

Statt Abwasserleitungen und Kläranlagen sind für die Entsorgung von Peepoo-Beuteln nur ein Abholdienst und ein freies Feld nötig. Die Tüten können sogar im Hausgarten vergraben werden, in einem halben bis einem Jahr werden sie zu Dünger abgebaut. In Maimansingh experimentiert die Bangladesh Agricultural University mit dem Humanhumus, auf dem Versuchsfeld wachsen Zitronenbäumchen. »Gerade in dicht besiedelten Gegenden grenzen Ackerflächen häufig an die Städte und ihre Slums«, sagt Jachnow. »Da wird dringend Dünger gebraucht.«

Allerdings ist noch ein Problem zu lösen: Selbst in der Massenproduktion wird ein Peepoo-Beutel etwa drei Cent kosten – viel zu viel für Slumbewohner. Jachnow arbeitet deshalb mit der Sustainable Sanitation Alliance an einer Weiterentwicklung. Eine einfache, verschließbare Toilettenschüssel soll mit einem größeren Peepoo-Sack ausgelegt werden. So brauchte man nur alle paar Tage einen neuen.

Besonders wenn eine schnelle Lösung her muss, zum Beispiel in Katastrophengebieten, könnte so ein Klobeutel von Nutzen sein. Die Hilfsorganisation Oxfam hat ihn nach dem Erdbeben in Haiti ausprobiert. »Am wichtigsten war uns, dass Krankheitserreger eliminiert werden«, sagt Deepa Patel, die das Projekt leitet.

Aber auch für Dauernotfälle wie die riesigen Slums Asiens und Afrikas wäre die Tütentoilette eine wichtige Übergangslösung, meint Elisabeth von Münch. Sie ist bei der GTZ für nachhaltige Sanitärversorgung zuständig. »Natürlich geht das nicht auf Dauer, aber die Menschen brauchen sofort Hilfe.« Langfristig könnte Peepoo die Einführung von Trockentrenntoiletten vorbereiten. Diese trennen Flüssiges von Festem, die Fäkalien werden mit Sägemehl oder Asche bestreut. So produzieren auch diese Klos kein Abwasser, sondern Dünger.

In Kibera, dem zweitgrößten Slum Afrikas, ist die Situation besonders prekär. Dort lebt mehr als ein Viertel der Bevölkerung von Kenias Hauptstadt Nairobi. Und es gibt so wenige Gemeinschaftsklos, dass jedem Bewohner nur alle zwei Tage ein paar Minuten für sein Geschäft zur Verfügung stünden, wie eine Hilfsorganisation errechnet hat. Im August soll in einer Pilotanlage in Kibera die Tütenproduktion beginnen. Suraj Sudhakar von Peepoople hat die Beutel schon von 300 Bewohnern testen lassen. »90 Prozent wollten sie weiter benutzen. Sie haben gefragt: Wann kommt ihr mit mehr?« Die Klotüten könnten bald den Boden in nahe gelegenen Gartenbaubetrieben düngen, die Rosen für Europa züchten.